Geistesblitz: Was die Welt zusammenhält

18. Juli 2006, 20:13
posten

START-Preisträger Piet Schmidt zähmt Atome

Auf einem Super-8-Video der Familie Schmidt aus Künzelsau nimmt der dreijährige Piet die elektrisch betriebene Lokomotive auseinander, Minuten, nachdem er sie geschenkt und kurz in Betrieb genommen hat. Die Neugier zu erfahren, wie Dinge funktionieren und welches Prinzip dahinter steckt, manifestierte sich schon sehr früh im Leben des diesjährigen START-Preisträgers. Sie war auch Antrieb für das Studium der Physik in Konstanz, Portland (Oregon, USA) und Stuttgart.

Schon seit der Diplomarbeit arbeitet der 1970 Geborene an Quantenoptik und Spektroskopie mit kalten Atomen. Mit der Finanzierung des Wissenschaftsfonds betreibt seine Gruppe Frequenzkamm-Spektroskopie mit Quantenlogik, untersucht also die Reaktion von Stoffen mit Licht. Vergleichen lässt sich das "mit einer dunklen Flasche, die wir gegen die Sonne halten, um herauszufinden, ob sie braun oder grün ist". Im Laserlabor funktioniert das natürlich noch viel genauer. Man könnte sogar feststellen, ob sich die Farbe der Flasche mit der Zeit ändert.

Ein Projekt am National Institute of Standards and Technology (NIST) in Boulder, Colorado, war Grundlage für seinen START-Antrag: Piet O. Schmidt baute mit seinem Kollegen Till Rosenband eine der derzeit genauesten Uhren der Welt und implementierte so Quantenlogik in die Spektroskopie.

Auch seinen jetzigen Institutsleiter Rainer Blatt traf er in den USA. Ressourcen und Infrastruktur waren am NIST "phänomenal" findet Schmidt. Der zweijährige Aufenthalt mit Kontakt zu internationalen PostDocs "hat meinen Horizont über die Wissenschaft hinaus erweitert". Experimentalphysiker müssen "kreativ sein und unkonventionelle Lösungsansätze finden".

Sherlock Holmes spielen

Im Labor spielt er oft Sherlock Holmes: Wenn etwas nicht funktioniert wie erwartet, muss er herausfinden warum. "Ein gutes Verständnis von Theorie und Technik" ist für ihn ebenso unabdingbar, wie Teamfähigkeit, "weil die komplexen Experimente nur in Gruppen erfolgreich durchgeführt werden können". Zwei von fünf START-Preisen gingen dieses Jahr an die Quantenphysik in Innsbruck.

Die spezielle Forschungsatmosphäre zwischen Nord- und Südkette hat sich für Schmidt in den letzten 15 Jahren "durch eine gezielte Berufungspolitik, topaktuelle Forschungsschwerpunkte und die stimulierende Zusammenarbeit zwischen Theorie und Experiment" entwickelt. Das Umfeld für Jungforscher auf dem Gebiet der Quantenoptik findet er in Innsbruck exzellent. Die vermutlich am wenigsten verstandene Theorie in der Physik ist für Schmidt die Gravitation.

Entsprechend ist die Vereinigung der Gravitation mit der Quantenmechanik das Ziel vieler Forschungsvorhaben auf der ganzen Welt und "einer der wenigen noch ausstehenden Bausteine einer vereinheitlichten physikalischen Theorie". Erweiterungen der derzeit besten Theorie sagen verschiedene Effekte voraus.

Mit seinem Forschungsvorhaben könnte es möglich sein, "diese Effekte zu entdecken beziehungsweise Grenzen zu ziehen bis zu welcher Genauigkeit wir sie ausschließen können". Die START-Auszeichung ist für Schmidt "sicherlich der wichtigste Schritt für meine Karriere als angehender Professor".

Andere Stipendien nutzte er bisher hauptsächlich, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu sichern. Nur der Dissertationspreis war eine Entschädigung für die vielen Überstunden und Nachtschichten im Labor. Zusammen mit seiner Frau flog er damals von Boulder für eine Woche nach Hawaii auf Urlaub.

Wandern, Radfahren, Skifahren, Lesen und spielen mit seiner drei Monate alten Tochter gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen von Piet Schmidt. Nebenbei nimmt er noch immer elektronische Geräte auseinander. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe, 12. Juli 2006)

  • Piet Oliver Schmidt, START-Preisträger 2006.
    foto: der standard

    Piet Oliver Schmidt, START-Preisträger 2006.

Share if you care.