Die Katastrophe im Überblick

18. Juli 2006, 20:13
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Thomas Blaschke entwickelt intelligente Landkarten, die in Notfällen helfen sollen, kein Chaos aufkommen zu lassen, erklärt er im STANDARD-Interview

Thomas Blaschke entwickelt intelligente Landkarten, die in Notfällen helfen sollen, kein Chaos aufkommen zu lassen. Wie das funktioniert, und warum es dazu das Know-how eines Geografen braucht, erklärte er Gottfried Derka.

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STANDARD: Sie arbeiten an der Verknüpfung von Landkarten und Daten und wollen das jetzt auch für mehr Sicherheit nutzen. Wie soll das funktionieren?

Blaschke: Wir sind von vielen Risiken bedroht, seien es nun Naturkatastrophen oder vom Menschen verursachte Katastrophen. Um diese Ereignisse möglichst gut zu bewältigen, müssen aktuelle Informationen über das Geschehen mit vorhandenen Daten verknüpft werden. So kann bestimmt werden, wo welche Einsatzkräfte am sinnvollsten eingesetzt werden sollten, oder wo Menschen in Sicherheit gebracht werden müssen.

STANDARD: Wie könnte das in der Praxis funktionieren?

Blaschke: Zum Beispiel bei Hochwasser. In den Informationssystemen der Länder gibt es Daten über die Topografie der betroffenen Region. Wenn man die mit den aktuellen Pegelständen verknüpft, lässt sich genau beobachten und voraussagen, wie sich die Lage weiterentwickeln wird. Oder bei einem heraufziehenden Hurrikan.

Hier gilt es, die aktuellen Bilder aus dem All mit den Daten über die Besiedelung der betroffenen Regionen zu verbinden. Unser Ziel ist es immer, vorhandene Daten aus verschiedenen Quellen durchgängig zu machen, zu einem sinnvollen Bild der Lage zusammenzuführen.

Da geht es um Informationen über Naturschutzgebiete, über Zonen mit erhöhter Murengefährdung, über Besiedelungsdichten, Verkehrswege, Leitungsnetze und so fort. All diese Informationen liegen in unterschiedlichsten Formaten vor, wir wollen sie verknüpfen.

STANDARD: Das klingt nach einer Aufgabe für Informatiker.

Blaschke: Ja, aber es braucht diesen Zugang, um eine Idee von räumlichen Konzepten zu haben, um Maßstabfragen zu verstehen oder auch um zu wissen, wie das Katastrophenmanagement in einer Region funktioniert.

STANDARD: Gibt es auch andere Anwendungsgebiete für diese Technologie?

Blaschke: Ja, bisher werden Geoinformationssysteme schon erfolgreich in der Planung von Wildbachregulierungen oder Lawinenverbauungen eingesetzt.

Wir können auch helfen, Stationen von öffentlichen Verkehrsmitteln dort zu errichten, wo sie von möglichst vielen Menschen nach möglichst kurzem Anmarsch erreicht werden können. Auch Energieversorger oder Einzelhandelsketten brauchen Landkarten, in denen möglichst viele Informationen drinstecken.

STANDARD: Datenschutz muss aus dieser Sicht für Sie ja eher hinderlich sein?

Blaschke: Aus wissenschaftlicher Sicht ist das natürlich mitunter eine Erschwernis. Wir bekommen unsere Daten aber völlig legal, etwa von der Statistik Austria.

Nebenbei bemerkt: Hier gibt es noch einigen Forschungsbedarf, weil etwa die Zahl der Wohnsitzmeldungen in der Innenstadt nur wenig darüber aussagt, wie viele Menschen dort am Tag unterwegs sind. Doch das Thema ist umstritten, derzeit wird an einer EU-Richtlinie zu Geoinformationssystemen gearbeitet, die wurde gerade abgelehnt und muss nun redigiert werden.

STANDARD: Seit einiger Zeit gibt es Google Earth. Hier werden hochauflösende Satellitenbilder der Erde mit Informationen von Internetusern verknüpft. Welchen Einfluss hat diese Software auf die Branche der Geoinformatiker?

Blaschke: Wir beobachten das mit gemischten Gefühlen. Einerseits hat Google Earth einen riesigen Hype ausgelöst. Geografie und Karten haben eine Renaissance erlebt, jeder scheint sich plötzlich dafür zu interessieren.

Auch Kunden und Kooperationspartner wünschen sich am Ende eines Projektes, dass wir ihre Daten als dreidimensionale Darstellung in Google Earth integrieren. Da lassen sich auch wirklich schöne Dinge verwirklichen. Wir haben etwa die Strecke der Fahrradweltmeisterschaft, die im Herbst in Salzburg stattfinden wird, ins Netz gestellt. Andererseits glaubt jetzt jeder, dass topografische Daten und Satellitenbilder ohnehin gratis verfügbar wären.

Tatsache aber ist, dass vor allem die sehr detaillierten Bilder teuer sind. Google hat da offenbar Millionen von Dollar investiert; das Geld wird über andere Geschäftsmodelle wieder hereingebracht.

STANDARD: Was erwarten Sie sich vom europäischen Satellitennavigationssystem Galileo?

Blaschke: Ich bin eher skeptisch wenn ich höre, dass dieses System abertausende von Arbeitsplätzen schaffen wird. Ich denke, die Entscheidung, ein eigenes System zu installieren war vor allem eine politische; Europa will sich in diesem Bereich von den USA unabhängig machen.

Aber Galileo bedeutet schon auch einen Technologieschub: Es wird eine genauere Lokalisierung ermöglichen und verfügt auch über einen Kanal, über den etwa Katastrophenhelfer Daten übermitteln können. Und damit wird die Sache für Geoinformationssysteme natürlich interessant.

STANDARD: Wie weit sind die Forschungen?

Blaschke: Auf den Berggipfeln rund um Berchtesgaden wurden sechs Sender installiert, wie sie auch in den Satelliten zum Einsatz kommen sollen. Im Tal werden ab Herbst Hersteller von Navigationsgeräten ihre neuen Technologien testen. Wir werden dort sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 12. Juli 2006)

Zur Person

Thomas Blaschke (40) hat Geografie und Geoinformatik an der Universität Salzburg studiert, ehe er für zweieinhalb Jahre an der bayerischen Akademie für Naturschutz arbeitete.

Er war für ein weiteres Jahr an der Manchester Metropolitan University (Post-doc). 2001 bis 2003 hielt er schließlich eine Professur für Geografie an der Universität von Thübingen.

Seit 1. 5. dieses Jahres ist er Professor für Geoinformatik an der Uni Salzburg und Leiter des Researchstudios I-Space. Blaschke, Vater eines Sohnes, ist leidenschaftlicher Triathlet und will so mehr Kondition beim wissenschaftlichen Arbeiten bekommen. "Das ist der beste Ausgleich." (pi)

  • Thomas Blaschke will neuartige Geoinformationssysteme auch bei Hochwasser einsetzen.
    foto: der standard/wild

    Thomas Blaschke will neuartige Geoinformationssysteme auch bei Hochwasser einsetzen.

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