Die digitale Amtsstube

18. Juli 2006, 20:13
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Die öffentliche Verwaltung wird völlig umgebaut: eine technologische wie organisatorische Herausforderung

E-Government soll mehr als nur Papier, Zeit und Geld sparen. Die öffentliche Verwaltung wird völlig umgebaut: eine technologische wie organisatorische Herausforderung. Österreich hat sich zwar im europäischen Vergleich eine Spitzenposition erarbeitet. Im Hintergrund gibt es aber Aufholbedarf. Forscher arbeiten an Lösungen.

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Einen nationalen Freudentaumel löste die Meldung nicht aus: Ende Juni wurde Österreich zum Europameister gekürt. Aber eben nicht in einem Rasensport, sondern in der etwas nüchternen Disziplin E-Government.

Die EU-Kommission ließ für 28 Länder zwanzig so genannte Basisdienste vergleichen, zwölf für Bürger, darunter Arbeitsvermittlung, Autoanmeldung und Geburtsurkunde, sowie acht für Unternehmen, darunter Umsatzsteuer, Gewerbeanmeldung und öffentliche Ausschreibungen. Der Erfolg wurde unter anderem daran gemessen, wie viele dieser öffentlichen Serviceleistungen sich bereits voll elektronisch abwickeln lassen: Für Österreich wurden stolze 83 Prozent errechnet.

Ein sehr viel kritischeres Zeugnis stellt Österreich Kurt Promberger von der Universität Innsbruck aus. Der Experte für ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning), betriebswirtschaftliche Standardsoftware, beschäftigt sich unter anderem mit der Evaluierung von Investitionen in ERP-Systeme in der öffentlichen Verwaltung.

Dieses Projekt wird unterstützt von transIT, dem Entwicklungs- und Transfercenter der Universität Innsbruck. Für Promberger ist E-Government mehr als nur das Herunterladen von Formularen (front office), es gehe um Organisationsentwicklung. Dem Bürger werde suggeriert, hinter dem Schalter (back office) sei alles integriert. Sobald die Daten in die Verwaltung kommen, gebe es aber Schnittstellenprobleme. Es fehle die Übersetzung in ein Informationssystem.

"Bei Unternehmen funktioniert das bereits: Der Kunde kann im Webshop bestellen, seine Rechnungen einsehen und so weiter, das ist ein System ohne Medienbruch." Die Ämterlandschaft hingegen zeichne sich durch eine äußerst heterogene Informationsarchitektur aus, die integrierte Geschäftsprozesse erschwere. Dieses "Legacy-Problem" rührt von den dezentralen Anfängen der EDV in der öffentlicher Verwaltung her. In Rechenzentren in öffentlichen Verwaltungen säßen viele Informatiker, die lieber an ihren eigenen, oft selbst gestrickten Systemen weiterprogrammierten, um ihre Arbeit zu sichern, so Promberger.

Andere Dimensionen

Dass Verfahrensabläufe noch zu vereinfachen seien, glaubt auch der Wiener E-Government-Experte Georg Aichholzer (siehe Interview). Man dürfe aber nicht nur die ökonomische Dimension sehen. E-Government sei schließlich etwas anderes als E-Commerce. Gesetzliche Verpflichtungen und rechtsstaatliche Grundlagen könnten nicht mit einem Schlag vereinfacht werden. Puncto Integrationsaufwand sei der Staat teilweise mit einem Konzern mit tausend eigenständigen Tochterunternehmen zu vergleichen.

Einfach Informationen finden, Tag und Nacht mit Ämtern verkehren - für Aichholzer besteht die zentrale Herausforderung darin, die Vorteile von E-Government der breiten Bevölkerung noch näher zu bringen.

Die gute Nachricht: Bei der Nutzung gab es in den letzten Jahren einen stetigen Anstieg zu verzeichnen. Laut Statistik Austria haben 53 Prozent aller Internetnutzer 2005 E-Government-Angebote in Anspruch genommen. Bei den Unternehmen liegt die Rate gar bei 75 Prozent, nicht zuletzt wegen der verpflichtenden Online-Einreichung ihrer Steuererklärungen.

Die weniger gute Nachricht: Erstmals stagniert die Zahl der Netznutzer, wenn auch auf hohem Niveau: 66 Prozent aller Bürger ab 14 Jahre haben Internetzugang. Die verschiedenen Gruppen der Nichtsurfer zu erreichen bleibt schwierig.

Freilich, eine völlige Digitalisierung aller Behördengänge wird es wohl ohnehin nie geben. Dass die anderen Kanäle offen bleiben müssen, bestreitet niemand. Wie der Bürger ans Amt herantritt, ob persönlich, telefonisch, postalisch oder eben elektronisch, bleibe seine Wahl, sagt Christian Rupp, Sprecher der Plattform Digitales Österreich.

Entscheidend sei, dass der Beamte die erhaltenen Informationen ins selbe System eingebe. Rupp sieht die von Promberger geforderte Integration von "front office" und "back office" als schon weit gehend realisiert und verweist etwa auf den Service FinanzOnline, der beide Bereiche umfasse und bereits von einer Million Bürgern genutzt werde.

Ein wichtiger Schritt Richtung Standardisierung sei der so genannte elektronische Akt (ELAK), der von allen Ministerien gleichermaßen genutzt werde.

Der ELAK habe geholfen, zwei Millionen Akte aus Papier einzusparen, was sechs Millionen Euro bringe und die Durchlaufzeiten um fünfzehn Prozent verkürze. Ein Arbeitsplatzvernichter sei E-Government keinesfalls, allenfalls würden Stellen nicht nachbesetzt.

Die dank der Automatisierung von viel Routinearbeit befreiten Beamten könnten sich nun vielmehr komplexeren Fällen intensiver zu wenden und so die Betreuung der Bürger verbessern.

Das Schaustück des E-Government made in Austria ist für Rupp das zentrale Melderegister, das alle 2358 österreichischen Gemeinden nutzen. Diese Erfolgsgeschichte habe sich auch im Ausland herumgesprochen und lasse auf einen Technologieexport aus Österreich hoffen. (Oliver Hochadel/DER STANDARD, Printausgabe, 12. Juli 2006)

  • Auf den Kontakt mit Beamten muss man auch in Zeiten des E-Government nicht verzichten.
    foto: der standard

    Auf den Kontakt mit Beamten muss man auch in Zeiten des E-Government nicht verzichten.

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