Wodka mit Kamerad Krokodil

28. Juli 2006, 10:54
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Zwischen unverhohlener Skepsis und viel Zuversicht: Zum G-8-Gipfel in St. Petersburg - Kommentar der anderen von Kenneth Rogoff

Armes ölreiches Russland. Es gibt sich so große Mühe, als Vorsitzender der Gruppe der Acht ernst genommen zu werden. Vielleicht in der Hoffnung das Niveau der Gipfelgespräche in St. Petersburg im Juli anzuheben, hat Präsident Wladimir Putin eine ehrgeizige Tagesordnung vorgelegt. Er plant, mit seinen Kollegen anspruchsvolle Diskussionen über Bildung, ansteckende Krankheiten und - um sicherzugehen, dass niemand einschläft - über "Energiesicherheit" zu führen.

Und was hat Putin nun von seinen Bemühungen? Nicht viel. Die Bush-Administration hat über Vizepräsident Dick Cheney Russland vor Kurzem beschuldigt, wieder in seine alten Gewohnheiten im Stil des "Reich des Bösen" zu verfallen. Putin schoss zurück und bezeichnete die USA als "Kamerad Wolf", der bereit ist, über jede Nation herzufallen, die Schwäche zeigt. Um die Art und Weise, wie Bush und Putin in St. Petersburg einander begrüßen werden, scheint sich Spannung aufzubauen.

Die Europäer ihrerseits fürchten immer noch hysterisch in den Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine verstrickt zu werden, der ihnen zu Beginn des Jahres ein paar Tage ohne Gaslieferungen bescherte. Eine Diskussion mit Russland über "Energiesicherheit" ist für sie so, als wollte man sich mit Kamerad Krokodil über Wassersicherheit unterhalten.

Wirklich unfreundliche Zeitgenossen würden natürlich die Absurdität einer russischen Mitgliedschaft in einem Klub hervorheben, zu dem riesige Ökonomien wie die USA, Deutschland, Japan, England, Frankreich, Italien und (in geringerem Maß) Kanada gehören. Warum hat man denn statt Putin nicht den chinesischen Präsidenten Hu Jintao eingeladen, an ihrem Tisch Platz zu nehmen, dessen Land immerhin die zweitgrößte Ökonomie der Welt hat? Schließlich entspricht das Nationaleinkommen Russlands trotz allen Energiereichtums gerade einmal dem des Großraums Los Angeles.

Vielleicht sollte Putin aufhören, Kritik einfach so hinzunehmen und stattdessen in die Offensive gehen. Zunächst könnte er seinen selbstgefälligen demokratischen Amtskollegen erklären, dass er in Russland heute wohl beliebter ist als jeder seiner Kollegen in seinem eigenen Land. Er könnte sogar eine morgen stattfindende Wahl aus dem Stand gewinnen. Wenige seiner Amtskollegen könnten das von sich guten Gewissens behaupten.

Beliebter Kapitän

Natürlich war Putins Erfolg, jedem Anschein einer freien Presse in den letzten Jahren den Garaus zu machen, durchaus hilfreich, die Opposition verstummen zu lassen - und wenn ein Ex-KGB-Mann der freien Presse den "Garaus" macht, ist das nicht nur so eine Redensart. Trotzdem scheint Putin wirklich beliebt zu sein bei einem Volk, das sich nach einem Führer sehnt, der sein Land verankert, ohne es versinken zu lassen. Außerdem könnte er darauf verweisen, dass die haushaltspolitische Situation viel besser ist als bei anderen G-8-Mitgliedern. Natürlich kam es dabei gerade recht, dass sich Sibirien als eine gigantische Ölquelle erwies, von der vor allem die Regierung profitiert. Der venezolanische Präsident Hugo Chávez ist momentan auch dabei, die Bilanz seines Landes zu sanieren . . .

Fairerweise muss allerdings gesagt werden, dass es mit Öl allein nicht getan war. Die meisten Ökonomen befürworten eine Umstellung der komplexen und antiquierten Steuersysteme in den reichen Ländern auf eine einfache Flat Tax und sie bedauern, dass bisher nur so wenige Länder davon Gebrauch machten. Putin jedoch hat eine solche Steuer vor ein paar Jahren eingeführt und das Ergebnis grenzt an ein Wunder.

Rentner als Opfer

Es könnte natürlich sein, dass die G-8-Staats- und Regierungschefs über andere russische Ansätze zur Lösung von Budgetproblemen weniger begeistert sind. In den meisten G-8-Staaten ist man anscheinend nicht in der Lage, jenen politischen Konsens herbeizuführen, der nötig ist, um notwendige Maßnahmen wie eine Erhöhung des Rentenalters oder eine signifikante Anpassung der Indexierung von Sozialleistungen an die Inflation durchzusetzen. Im Gegensatz dazu hat man in Russland die Rentner größtenteils sich selbst überlassen, indem man den Wert ihrer Einkommen zum Opfer der Inflation werden ließ.

Tatsächlich sind viele alte Menschen in den ländlichen Gegenden Russlands gezwungen, sich durch den Anbau von Kartoffeln auf winzigen, von staatlicher Seite zur Verfügung gestellten Äckern über Wasser zu halten. Das heißt, wenn sie das Rentenalter überhaupt erreichen. Seit dem Fall der Berliner Mauer ist die Lebenserwartung russischer Männer von 65 auf ungefähr 55 Jahre gefallen. Es gibt zunehmend Beweise, dass der mit dem Übergang verbundene Stress die Haupttodesursache sogar noch vor Alkohol, Mord und Aids ist. Sollte Putin seinen Kollegen sagen, dass auch sie ihre demografischen Probleme durch die Aushungerung der Alten lösen könnten?

Putin sollte die Errungenschaften seines Landes vielleicht nicht allzu sehr in den Vordergrund stellen.

Das Beste wäre wohl, einfach den Wodka fließen zu lassen und auf fröhliche Gesichter bei den Fototerminen zu hoffen. Putin könnte sich in jedem Falle den von ihm ersehnten Respekt verschaffen, wenn er seinen Gästen verrät, wie sie für ihre "Energiesicherheit" mehr an Russland zahlen können. (Project Syndicate, 2006; Übersetzung: Helga Klinger-Groier, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.7.2006)

Zur Person
Kenneth Rogoff ist Professor für Wirtschafts- und Politikwissenschaften an der Harvard University und ehemaliger Chefökonom des IWF.

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