Flüchtlingsheim Graz: "Die suchen nach einem Anlass"

14. Juli 2006, 09:11
31 Postings

Trotz Anfeindungen versuchen sich Asylwerber im neuen Flüchtlingsheim Puntigam einzurichten

Graz – „Die Leute werden bald sehen, dass das Menschen sind, die weder kleine Kinder fressen, noch sich auf Frauen schmeißen“, bemüht sich Sabina Dzalto optimistisch zu sein. Sie ist seit einer Woche Leiterin jenes neuen Asylwerberheims der Caritas in Graz- Puntigam, das bei der FPÖ schon für Empörung sorgte, als es noch leer stand.

Keine Begrüßung

Wenig menschlich war dann auch der Empfang durch Anrainer, als die ersten 23 Männer am Mittwoch vor einer Woche in das Heim zogen, weil ihre alte Unterkunft am Griesplatz aus Vertragsgründen geschlossen werden musste. Statt eines herzlichen Willkommens für die Männer, die zum Teil in ihrer Heimat politisch verfolgt wurden und seit Jahren ihre Familien nicht mehr gesehen haben, gab es eine kleine Demo und Transparente an Nachbarhäusern: „Asylanten. Nein Danke!“

Drohungen

„Die Demo war relativ friedlich“, räumt Caritas-Mitarbeiter Michael Teichmann ein, „aber ich glaube schon, dass solche Plakate den Leuten zusätzlich Mut machen.“ Wozu sie Mut machen können, erlebte Teichmann vor wenigen Tagen während eines seiner ersten Nachtdienste im neuen Haus. Ein Auto hielt an, der Fahrer öffnete ein Fenster und beschimpfte Teichmann und ein paar Heimbewohner, die mit ihm im Garten standen, aufs Vulgärste. „Dann hat er noch mehrmals geschrien, er würde in zwei Wochen wieder kommen und das Haus anzünden. Ich wollte mir das Nummernschild merken, bin ihm aber dann doch nicht nachgelaufen, denn die suchen ja nur nach einem Anlass“, erzählt Teichmann schockiert. „Dieser Verbalrassismus und die Aggression haben mich verblüfft. Das ist mir in meinen zwei Jahren Arbeit am Griesplatz nie passiert.“

Dzalto bedauert, dass es den derzeit 29 Männern, die sie als „völlig unkompliziert“ beschreibt, so schwer gemacht wird. Nur einer hatte in der letzten Woche eine „harmlose Rauferei“ mit einem Mitbewohner: „Den haben wir wegen der angespannten Lage sofort aus dem Haus entfernt“. Erst nach einer Evaluierung werden im Oktober weitere 20 Männer einziehen, dann ist das Haus, ein ehemaliges Arbeiterwohnheim, voll.

Arbeiten oder Kurse besuchen

Alles andere als voll war das Heim am Dienstagvormittag. Die meisten Männer, Tschetschenen, Afghanen, ein Palästinenser und ein paar Afrikaner, arbeiten, soweit ihnen das rechtlich möglich ist, oder machen Deutschkurse. „Die Leute glauben, die sitzen herum und langweilen sich, dabei sind die dauernd eingeteilt“, erzählt Dzalto.

Nur ein 26-jähriger Türke alevitischer Herkunft, der 2002 mit einer schweren Beinverletzung nach Österreich kam, klagt über Langeweile. Er wartet seit Jahren auf einen Bescheid. Im Haus sei er zwar beliebt, sagt der gelernte Koch und Anhänger Che Guevaras, „denn ich bin ein lustiger Mensch“, aber das Warten mache ihn fertig. „Ich will arbeiten“, sagt er und steht mithilfe seiner Krücken auf, um Tee für seine Besucher zu kochen. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD Printausgabe, 12.07.2006)

  • Ein Nachbar des neuen Asylwerberheims zeigt seine Ablehnung unmissverständlich am eigenen Zaun
    foto: standard/elmar gubisch

    Ein Nachbar des neuen Asylwerberheims zeigt seine Ablehnung unmissverständlich am eigenen Zaun

Share if you care.