"Kopf abgehauen, Wurzeln nicht"

11. Juli 2006, 18:47
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Mit der Liquidierung von Bassajew hat Russland Punkte vor dem G-8-Gipfel gesammelt. Experten warnen indes vor Illusionen über die Folgen für die Kaukasuspolitik

Eine Welle des Beifalls hat die Tötung des tschetschenischen Terroristenführers Schamil Bassajew ausgelöst. Wenn es Bassajew gewesen sei, "der die Erschießung von Kindern in Beslan befohlen hat, so hat er einen solchen Tod völlig verdient", sagte niemand Geringerer als US-Präsident George W. Bush. Der Sprecher des Weißen Hauses, Tony Snow, wies darauf hin, dass die USA und die UNO Bassajew als Terroristen einstufen. Das sind Wärmegrade für das zuletzt abgekühlte Verhältnis zwischen Moskau und Washington. Russland hat wichtige Autoritätspunkte vor dem G-8-Gipfel am kommenden Wochenende gesammelt.

Gewürdigt wurde der Erfolg des russischen Geheimdienstes FSB durchwegs auch in Russland selbst. Nicht zuletzt durch Religionsvertreter: "In diesem Fall haben die föderalen Truppen einen erfolgreichen Schritt hin zum Frieden getan", meinte der Vizechef der muslimischen Glaubensvereinigung, Damit Gisatullin.

Dabei ist nicht sicher, ob Bassajews Tod in der Nacht auf Montag auf das Konto russischer Spezialeinheiten geht. Bassajew war durch eine Explosion in einer kleinen Fahrzeugkolonne in Inguschetien, wo er laut FSB einen großen Terroranschlag plante, getötet worden. Ein mit Sprengstoff beladener Lastwagen sei unbeabsichtigt explodiert, behauptet die Internetseite der Rebellen, Kavkaz-Zentrum.

Interessanterweise hatten auch die Agentur Interfax und der FSB am Montagmorgen, noch ohne Bezug auf Bassajew, von einer Lastwagenexplosion wegen "unachtsamen Hantierens"berichtet. Später bestand der FSB darauf, dass er Bassajew in einer "Spezialoperation"zur Strecke gebracht habe. Dieser sei in einem Pkw neben dem Lastwagen gefahren. Eine Fernzündung oder einen Angriff aus der Luft halten die meisten Experten für unwahrscheinlich. Der russische TV-Sender ORT berichtete, die Detonation sei durch einen Raketenangriff ausgelöst worden.

Die bedeutendere Frage freilich ist die weitere Entwicklung in Tschetschenien und im Kaukasus. Lässt man den Untergrundspräsidenten Doku Umarow außer Acht, so ist mit Bassajew der letzte große Warlord beseitigt. Der schwierige Antiterror-Kampf könne als beendet gelten, sagte der Präsident der moskautreuen Regierung, Alu Alchanow. Was bleibt, sei ein "versprengter Widerstand", meinte der russische Politologe Wjatscheslaw Igrunow gegenüber der Agentur RBC. Manche Experten sehen das Aus des Widerstandes nicht gekommen, diesen aber immerhin geschwächt, zumal die ausländische Finanzierung über Bassajew lief.

Erst nach und nach wird sich zeigen, ob sich Moskaus Verhältnis zu seinem zweifelhaften Schützling, dem tschetschenischen Premier Ramsan Kadyrow, der die Macht seines Clans monopolisiert hat, ändert. Kadyrow hat mit Bassajew seinen Gegner verloren, kann die Liquidierung aber nicht für sich verbuchen. Das könne Kadyrow, der unbedingt Präsident Tschetscheniens werden will, schwächen, meint der Politologe Alexej Makarkin: Moskau könnte erstmals andere Figuren (etwa Alchanow) neben Kadyrow stärken.

"Der Kopf ist abgehauen, nicht aber die Wurzeln", warnt die Zeitung Wedomosti: Der Lebensstandard im Kaukasus sei niedrig, abgesehen von der Schattenwirtschaft sind über 50 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung arbeitslos, und ein Drittel der Aufbauhilfe aus dem Zentrum versickerte in der Korruption. (Eduard Steiner aus Moskau, DER STANDARD, Print, 12.7.2006)

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    Im Dorf Ekaschewo in Inguschetien werden Autowracks der von einer Explosion getroffenen Kolonne abtransportiert, in der sich Schamil Bassajew befand.

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