Blair will Comeback der Atomkraft

27. Juli 2006, 19:28
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Britische Regierung schlägt Bau neuer Kernkraftwerke vor, will aber auch alternative Energieträger fördern

Die britische Regierung schlägt in ihrem am Dienstag präsentierten Strategiepapier den Bau neuer Kernkraftwerke vor. Die Atomenergie werde wieder kommen, "und zwar sehr stark", kündigte Premier Tony Blair an. Gleichzeitig sollen alternative Energieträger gefördert werden.

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Zurück zur Atomkraft will die britische Regierung. Ein von Industrieminister Alistair Darling am Dienstag vorgelegtes Strategiepapier zur Energieversorgung in Großbritannien sieht den Bau neuer Atomreaktoren vor. Kernkraftwerke seien auch künftig "Teil des Energie-Mixes", so Darling. Aber parallel dazu will Premierminister Tony Blair alternative Energieträger wie Wind und Sonne stärker fördern.

Damit sind die Pläne der Labour-Regierung, aus der Kernkraft auszusteigen, zu den Akten gelegt. Bis zum Jahr 2023 sollten ursprünglich alle britischen Atomreaktoren vom Netz genommen werden. Doch schon vor wenigen Wochen hatte Blair bei einem Abendessen mit Industrievertretern angekündigt: Die Atomenergie in Großbritannien werde wiederkommen, und zwar "sehr stark".

Drei Zielvorgaben

Um den künftigen Energiebedarf Großbritanniens festzustellen, gab Blair im November vergangenen Jahres ein Strategiepapier in Auftrag. Die Autoren hatten dabei drei Zielvorgaben für die Energiepolitik von ihrem Chef: Zunächst sollten sie die Kohlendioxidemissionen bis zum Jahr 2020 um 60 Prozent verringern. Dann mussten sie die Energieversorgung in Großbritannien sicherstellen. Zuletzt sollte die Energiepolitik der Labour-Regierung garantieren, dass jeder Haushalt bezahlbar beheizt werden kann.

Das Ergebnis dieses Nachdenkprozesses hat dann Industrieminister Darling am Dienstag vorgestellt. Großbritannien könne seine Energieversorgung nur sichern und die Treibhausemissionen nur verringern, so Darling, wenn die bestehenden Atomreaktoren durch neue ersetzt werden. Gegenwärtig bezieht Großbritannien 20 Prozent seiner Energie aus Atommeilern. In 20 Jahren wird der Anteil des Atomstroms auf sechs Prozent gesunken sein. "Ich denke nicht, dass diese Lücke von erneuerbaren Energien gefüllt werden kann", so Darling.

Gasimport statt Export

Der hohe Ölpreis und die zur Neige gehenden Gasvorräte in der Nordsee haben das Comeback der Atomkraft beschleunigt. Seit Kurzem ist der einstige Gasexporteur Großbritannien sogar zum Gasimporteur geworden. Schon vergangenen Winter drohte in Großbritannien das Gas knapp zu werden. Mit dem Entschluss, neue Atomreaktoren zu bauen, will Blair sich auch von Gaslieferanten wie Russland unabhängiger machen.

Widerstand gegen diese Pläne kommt von den Umweltverbänden. "Wir können den Klimawandel bekämpfen und unsere Energieversorgung sichern, wenn wir unsere Energie intensiver nutzen, erneuerbare Energien stärken und fossile Brennstoffe effizienter einsetzen", sagte Tony Juniper, Direktor von Friends of the Earth. Die konservative Partei verbündete sich mit den Umweltaktivisten. Atomenergie könne nur "die letzte Möglichkeit sein", heißt es in einer Erklärung.

Auch Bush für Kernkraft

Schon seit einigen Monaten versucht sich der neue Chef der Konservativen, David Cameron, als Umweltschützer zur profilieren. Um ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen setzt Blair neben der Atomkraft stark auf die Förderung alternativer Energien. Schon im Jahr 2015 will Großbritannien 15 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen.

Auch US-Präsident George W. Bush hat sich im Vorfeld seiner Deutschland-Visite für eine stärkere Nutzung der Kernkraft ausgesprochen. "Die Nuklearenergie ist für mich ein ganz wichtiges Thema", sagte er in einem Interview. (Ingo Malcher aus London, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.7.2006)

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    Setzt neben Nuklear- auch auf Windenergie: Tony Blair

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