Das Schweigen der Objekte

18. Juli 2006, 12:50
posten

Im Zeughaus des Deutschen Historischen Museums von Berlin wurde die "Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen" aufbereitet

Die Dauerausstellung umfasst den Zeitraum von den Germanen bis zum Jahr nach der Wiedervereinigung.

***

Ein Fußballschuh von Michael Ballack oder ein Deodorant von Jürgen Klinsmann: Das wären Exponate, die der neuen ständigen Ausstellung im Deutschen Historischen Museum gut anstünden. Vor wenigen Wochen erst wurde diese Schau mit großem Protokoll eröffnet, und nun hat sich Deutschland schon wieder ein Stück weit verändert. Der patriotische Überschwang der letzten Wochen hat in manchen Momenten an das Jahr 1990 erinnert, als die Politik kaum schnell genug hinter der Begeisterung des Volkes herzuregieren vermochte.

1990 ist auch das Jahr, in dem Deutschland an einen Punkt kam, an dem eine Dauerausstellung gut aufhören kann. Mit der Wiedervereinigung kam die schwierige Nationalgeschichte an ein gutes Ende. Darauf lässt sich nun zurückblicken, und das Publikum hat die Ausstellung Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissengut angenommen. Viele offene Fragen, wie sie sich ganz ähnlich auch in Österreich auf seinem Weg zu einem Haus der Geschichte der Republik stellen, müssen allerdings bewusst unbeantwortet bleiben.

Eine ständige Ausstellung, auch wenn sie ständig über- arbeitet würde, ist immer auf eine möglichst dauerhafte Interpretation der Nationalgeschichte aus. Sie will ein Ergebnis festhalten. Der Fluss der Zeit soll ein wenig anhalten, und wenn das nicht möglich ist, so stehen zumindest die Exponate still, die aus diesem Fluss herausragen. Von einer Silberschnalle der alten Germanen bis zu dem Packen Papier, auf dem der Staatsvertrag über die Union der BRD mit der DDR ausgedruckt wurde, verläuft die Erzählung im Deutschen Historischen Museum. Jeder Verdacht, hier könnte der Status quo eines Landes, das zwar nicht den Nationalsozialismus, aber immerhin danach die Teilung aus eigener Kraft überwunden hat, als vernünftiges Ziel des ganzen Verlaufs erscheinen, wird in der Ausstellung sofort zerstreut. Hier geht nämlich nichts auseinander hervor, es folgt alles einfach aufeinander. Nur die Trägermaterialien verändern sich im Lauf der Jahrhunderte.

Das viele Harnisch im Mittelalter wird von elastischeren Stoffen abgelöst. Im Prozess der Zivilisation kommen auch ständig neue Medien hinzu, und die Geschichte ergibt sich bald nicht mehr nur aus dem Ding, sondern auch aus Bildern und Texten. Historische Museen müssen davon ausgehen, dass die Dinge etwas erzählen. Nur dadurch unterscheiden sie sich vom Buch oder der CD-ROM.

Im Deutschen Historischen Museum lässt sich aber vielfach die Beobachtung machen, dass die Dinge schweigen: Ein Zunftbecher der Wismarer Maurer aus dem Jahr 1500 macht das Leben in der frühen Neuzeit kaum anschaulich. Eine Kanone der Firma Krupp aus dem Jahr 1889 erinnert an ein Industriezeitalter ohne Computer, verrät aber nichts von den Verwüstungen, die sie anrichtete. Einem lebensgroßen VW Käfer, Baujahr 1951, sieht man das Wirtschaftswunder nach dem Krieg nicht an - vielleicht hätte ja ein Stück Straßenbelag von einer makellosen deutschen Autobahn mehr über das Land verraten. Der Schreibmaschine von Stefan Heym sieht man vielleicht an, dass sie 1930 gekauft wurde, nicht jedoch, dass der Schriftsteller sie 1944 in der Normandie dabeihatte.

Historische Ausstellungen stehen vor einem kaum lösbaren Dilemma: Was unter den Schreibern der Geschichte noch Entwurf und Interpretation ist, soll sich hier zu einer homogenen Sichtweise beruhigen. Das Kontroverse wird noch aus den Erläuterungen verdrängt, die neben jedem Ausstellungsstück hängen.

Politisch korrekt

Als Helmut Kohl noch vor der Wiedervereinigung das Deutsche Historische Museum erfunden hatte, befürchteten Kritiker gleich einmal ein Monument der Sieger- geschichte. Es dauerte dann viele Jahre und einige Zwischenentwürfe, bis die Institution im Zeughaus in Berlin ei-ne dauerhafte Heimstatt bekam und Hans Ottomeyer als Nachfolger von Christoph Stölzl sich vor der Aufgabe sah, dem deutschen Volk in seiner Hauptstadt eine repräsentative Schau zu gestalten.

Das Ergebnis ist nun politisch korrekt bis in die letzte Nische. Der Nationalsozialismus wird nicht - wie in der populären Kultur - das auf eine prekäre Weise "erfolgreichste"Kapitel im Geschichtsbuch, er wird aber auch nicht verharmlost oder zur ewigen Hypothek erklärt. Aus der erfolgreichen Phase des späten 19. Jahrhunderts gibt es das übliche Standbild von Bismarck und ein sozialdemokratisches Transparent sowie einen Matrosenanzug für ein Kind aus Kiel, von dem nicht weiter überliefert ist, ob es schließlich im Ersten Weltkrieg vielleicht wirklich bei der Marine kämpfen musste. Eine von der DDR-Staats- sicherheit bei einer Razzia vergessene Druckerschwärzenpumpe muss heute als Zeugnis des Widerstands gegen Honecker und die SED dienen.

Wie sich Deutschland über viele Jahrhunderte aus der europäischen Landschaft her-ausgegrenzt hat, wie es sich gleichzeitig aus seiner Klein- und Freistaaterei erst zu einem administrablen Gebilde zusammenfinden musste, das sind jene Linien der Nationalgeschichte, die auf den zwei Stockwerken des Zeughauses unweigerlich zu kurz kommen. Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissenist eine Ausstellung, zu der es so viele Parallelentwürfe gibt, wie noch Zunftbecher aus Wismar gefunden werden.

Mehr zu verlangen wäre ein Missverständnis der Gattung. Eine ständige Ausstellung dieser Art illustriert den Konsens über das, was an historischer Selbsterfahrung einer Nation zusammengekommen ist. Wer mehr wissen will, kommt um längere Texte nicht umhin. Denn selbst der Fußballschuh von Ballack wird in ein paar Jahren nichts mehr von der seltsamen Euphorie dieses Sommers verraten. (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 7. 6. 2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Nationalsozialismus wird nicht das auf eine prekäre Weise "erfolgreichste" Kapitel im Geschichtsbuch, er wird aber auch nicht verharmlost oder zur ewigen Hypothek erklärt: eine Büste von Adolf Hitler im Historischen Museum.

Share if you care.