China zwischen zwei Stühlen

15. Juli 2006, 22:02
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China hat sich im Weltsicherheitsrat zum Wortführer gegen Sanktionen gegenüber Nordkorea gemacht. Nun steht Peking unter Erfolgsdruck

Pekings Diplomatie erhält von der Weltgemeinschaft noch einmal eine Chance zu beweisen, dass Verhandlungen, nicht Sanktionen, weiterhin der richtige Weg im Umgang mit dem stalinistischen Regime Nordkoreas sind. Der amerikanische UN-Botschafter John Bolton hat bekannt gegeben, eine Abstimmung über eine angestrebte UN-Resolution zu den nordkoreanischen Raketentests vorerst auszusetzen. Die USA wollten damit Chinas Bemühungen um eine diplomatische Lösung in "maximaler Weise"unterstützen, sagte Bolton.

Peking hat seinen Chef-Unterhändler für Nordkorea, Wu Dawei, zusammen mit Vize-Premier Hui Liangyu zu einem "Freundschaftsbesuch"nach Nordkorea geschickt. China, Handelspartner Nummer eins des wirtschaftlich bankrotten Regimes in Pjöngjang, wächst immer mehr in die Rolle des einzigen politischen Verbündeten Nordkoreas hinein.

In der UN-Debatte zu der von Japan eingebrachten und von den USA und EU-Staaten unterstützten Resolution hat sich China nun zum Wortführer des Widerstands gemacht - ein Novum. Chinas UN-Vertreter Wang Guangya schlug als Gegenentwurf eine unverbindliche Erklärung des Ratsvorsitzenden vor. Von einer Bedrohung oder einem Bruch des vereinbarten Raketentest-Moratoriums ist darin nicht die Rede. Der Entwurf bedauert die Tests und ruft alle Parteien zu einer friedlichen Lösung auf. Russland unterstützte Chinas Vorschlag.

Die Sprecherin des Pekinger Außenamts, Jiang Yu, verteidigte die Haltung Chinas im Sicherheitsrat. Peking und Südkorea seien als Nachbarn von jeder Eskalation besonders betroffen. Japan warf sie vor, mit Sanktionsforderungen "überreagiert"zu haben.

China hat sich in eine Situation hineinmanövriert, in der es die Bringschuld hat: Bolton nannte als Mindesterwartung, dass Peking Nordkorea dazu bewege, keine weiteren Raketen zu testen und im Rahmen der so genannten Sechser-Gespräche wieder in einen Dialog über seine Atom- und Raketenaufrüstung zu treten. US-Chefunterhändler Christopher Hill kam am Dienstag zum zweiten Mal innerhalb einer Woche nach Peking.

Tiefe Freundschaft

Gegenüber Nordkorea gab Peking zugleich öffentliche Versicherungen ab, dass es seinen Verbündeten weder fallen lassen noch hintergehen würde. Die Führer beider Länder versicherten sich, an ihrer Freundschaft festzuhalten - komme was wolle.

Südkorea nahm mit Pjöngjang am Dienstag trotz der Raketenkrise neue Versöhnungsgespräche auf. "Ich hoffe, wir führen wertvolle Diskussionen über Frieden und Sicherheit auf der koreanischen Halbinsel", erklärte Vereinigungsminister Lee Jong Seouk. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, Print, 12.7.2006)

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    Südkoreanischer Zorn nach den Raketentests des Nachbarlandes. Beide Staaten nahmen am Dienstag dennoch Versöhungsgespräche auf.

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