Explosionen in sieben vollbesetzten Zügen - Achter Sprengsatz wurde entschärft - Kaschmir-Extremisten im Verdacht
Mumbai - Bei der Anschlagsserie in Mumbai
(Bombay) sind nach jüngsten Angaben der Polizei 190 Menschen getötet
wurden. Es gebe zudem 625 Verletzte, sagte ein Polizeisprecher der
Millionenstadt im Westen Indiens. Ingesamt sieben Sprengsätze gingen
laut Polizei inmitten des Abendverkehrs in mehreren Bahnhöfen und
Vorortzügen hoch. Der Verdacht fiel auf Islamisten, die für die
Abtrennung der Kaschmir-Region von Indien kämpfen. Die Bluttat rief
weltweit Entsetzung und Empörung hervor.
Innenminister Shivraj Patil sagte nach einem Krisentreffen mit
Premierminister Manmohan Singh, die Anschläge in Mumbai und zuvor in
Kaschmir seien "schockierend und feige". Bei mehreren Attentaten
mutmaßlicher muslimischer Extremisten auf Urlauber in Srinagar im
indischen Teil Kaschmirs waren am selben Tag mindestens sieben
indische Touristen getötet und 34 Zivilisten verletzt worden. Patil
sagte, möglicherweise gebe es einen Zusammenhang.
Singh: "Terroristen stecken hinter den
Bombenanschlägen"
Ministerpräsident Singh erklärte: "Terroristen stecken hinter den
Bombenanschlägen". Er rief nach einem Krisentreffen mit Innenminister
Patil und den Chefs der wichtigsten Sicherheitsbehörden die
Bevölkerung von Mumbai und Srinagar zur Ruhe auf. Die "Terroristen"
würden mit ihren "teuflischen Plänen" keinen Erfolg haben, erklärte
er. Seine Regierung werde alle möglichen Maßnahmen ergreifen, um Ruhe
und Ordnung wiederherzustellen. Nach Angaben des Innenministers
wussten die Behörden, dass ein Anschlag geplant war, kannten aber
weder Ort noch Zeit.
Die Regierung Pakistans verurteilte die Bombenserie in Mumbai.
Indien wirft Pakistan immer wieder vor, trotz laufender
Friedensverhandlungen muslimische Extremisten zu unterstützen. Auch
Außenministerin Ursula Plassnik (V) verurteilte die Anschläge aufs
Schärfste. Der britische Premierminister Tony Blair sprach von einem
"brutalen, beschämenden Akt". Auch die USA verurteilten die Tat. Die
Stadt New York verstärkte ihre Sicherheitsvorkehrungen im
öffentlichen Nahverkehr.
Millionen Pendler steckten fest
Die Zugabteile wurden von den Explosionen völlig zerfetzt. Im
Bahnnetz brach Chaos aus, Millionen Pendler steckten fest.
Einsatzkräfte durchsuchten die Wracks der Waggons nach Toten und
Verletzten. Die Rettungsarbeiten wurden von heftigem Monsunregen
behindert. Trümmer und Gepäckstücke lagen auf Bahnsteigen verteilt.
Indische Kommentatoren zogen Parallelen zwischen den Explosionen
in Mumbai zu denen in der Londoner U-Bahn am 7. Juli vergangenen
Jahres. Mumbais Polizeichef A. N. Roy rief die Bevölkerung zur Ruhe
auf. Anrainer der betroffenen Bahnlinie nach Westen halfen dabei,
Verletzte und Leichen zu bergen. Das Mobilfunknetz in Mumbai brach
zeitweise zusammen.
Bisher kein Bekenntnis zu Attentaten
Über sechs Millionen Pendler fahren täglich mit den Vorortzügen
Mumbais. Zunächst bekannte sich niemand zu den Attentaten. Indische
Medien berichteten, die von Pakistan aus operierende muslimische
Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba habe jede Verantwortung zurückgewiesen.
Sicherheitsexperten hielten das Dementi nicht für glaubwürdig.
Lashkar-e-Toiba verübt immer wieder schwere Anschläge in Indien.
In Mumbai selbst, im Kaschmir, in Punjab, in der Hauptstadt
Neu-Delhi und im bevölkerungsreichsten Unionsstaat Uttar Pradesh
wurde der Alarmzustand ausgerufen. An den Flughäfen von Mumbai,
Neu-Delhi, Bangalore und Kalkutta bezogen paramilitärische Einheiten
Position. Die zivile Luftfahrtbehörde kündigte verstärkte Kontrollen
von Fluggepäck an. Flüge seien von den verstärkten
Sicherheitsvorkehrungen jedoch nicht betroffen, hieß es. In Neu-Delhi
errichtete die Polizei Sperren und durchsuchte Hotels und
Gästehäuser.
Bombenserie im August 2003
Bei einer Bombenserie im August 2003 waren in Mumbai mehr als 50
Menschen getötet und 35 verletzt worden. Die bisher schlimmsten
Bombenanschläge erlebte Mumbai 1993. Im März des Jahres wurden bei
einer Serie Explosionen mehr als 270 Menschen getötet und über 1000
verletzt. Im Oktober vergangenen Jahres waren bei einer Anschlagserie
mutmaßlicher muslimischer Extremisten in der Hauptstadt Neu-Delhi
mehr als 60 Menschen getötet worden. (APA/AP/dpa)