Unerschütterbare Beziehung

11. Juli 2006, 15:25
20 Postings

Auch schlechte Mütter werden geliebt: Hirnforscherin legt bei Wiener Kongress Prinzipien des "Bondings" offen

Wien - Auch "Rabenmüttern" ist die Liebe ihrer Kinder sicher. Sie bleibt im Endeffekt unerschütterlich, weil sie auf ganz speziellen Lernprozessen in den ersten Lebenstagen beruht, die später abgeschaltet werden. HirnforscherInnen sind jetzt den biologischen Grundlagen für das Entstehen der besonders engen emotionalen Verbindung zwischen Nachkommenschaft und den Eltern als erste Bezugspersonen auf der Spur.

"Es ist ja erstaunlich, dass bei einer ganzen Reihe von Arten die Nachkommenschaft auch erhebliche Misshandlungen durch die Betreuer toleriert", erklärte Dr. Regina Sullivan von der Universität von Oklahoma (USA) am Dienstag beim Europäischen Hirnforscherkongress in Wien (bis 12. Juli).

Anders als spätere Lernprozesse

Dass in den ersten Lebensstunden bis -tagen zwischen dem Neugeborenen und der frühesten Bezugsperson eine besonders enge Verbindung entsteht, ist seit Jahrzehnten wissenschaftlich belegt. Konrad Lorenz und seine Graugänse waren dafür das wohl sprechendste Beispiel. Dieses "Imprinting" oder "Bonding" dürfte laut den neuesten Ergebnissen auf ganz spezifisch - und anders als später erfolgenden - Lernprozessen beim Neugeborenen ablaufen.

Die US-Expertin, die Versuche mit Rattenbabys und ihren Muttertieren machte, bei denen die Verbindung zwischen diesen entweder unbehelligt oder sogar durch Schmerzimpulse gestört wurde: "Die Lernprozesse im Gehirn in der ersten Lebenswoche der neugeborenen Tiere geschehen in anderen Gehirnregionen ab als später - schon in der zweiten und dritten Lebenswoche."

Belohnung und Überleben

Am Beginn ihres Lebens stellen die Jungtiere ihren Kontakt zum Muttertier über das Geruchsorgan und die dazu gehörige Gehirnregion her. Regina Sullivan: "Das ist wichtig, um an die Zitzen heran zu kommen." Der Überlebenstrieb mit der Notwendigkeit an Nahrung heranzukommen, steht hier im Vordergrund. Das ist so wichtig, dass das Neugeborene auch durch Schmerzsignale nicht in seiner emotionalen Bindung an das Bezugstier gehindert werden kann. Verantwortlich dafür ist die Gehirnregion Locus Coeruleus. Zusätzlich greift laut der Wissenschafterin auch eine zweite Gehirnregion ein: Das Belohnungszentrum "Amygdala". Es unterdrückt negative Sinneswahrnehmungen, die mit dem Kontakt zum Objekt des bereits erfolgten "Imprinting" verbunden sind. So bleiben auch Rabenmütter geliebt.

Kind bleibt Kind

Interessant ist der Wechsel zwischen verschiedenen Lernprozessen im Gehirn je nach Alter des Neugeborenen und der Situation. Im Nest, auf das die neugeborenen Ratten in der ersten Lebenswoche in ihrem Lebensraum beschränkt sind, lernen sie primär über den Bonding-Mechanismus. Verlassen sie danach das Nest, kommt es zu Lernprozessen wie bei erwachsenen Tier. Die US-Expertin: "Doch wenn sie wieder ins Nest zum Muttertier zurück kommen, schalten sie wieder auf das erste System um." Ob das der Schlüssel zu der Binsenweisheit ist, dass Kinder ihren Eltern gegenüber das ganze Leben lang eben Kinder bleiben? (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
    Frühe Lernprozesse, die sich anders gestalten als spätere, sind für das unabdingliche Früh-Verhältnis von Mutter und Kind verantwortlich.
Share if you care.