Del Ponte: "Bin wegen Karadzic und Mladic sehr wütend"

13. Juli 2006, 11:58
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40.000 gedachten 11. Jahrestag des Srebrenica-Massakers, dem größten Kriegsverbrechens in Europa seit Zweitem Weltkrieg - 505 weitere Massaker-Opfer begraben

Belgrad/Sarajevo - 505 weitere Opfer des elf Jahre zurückliegenden Massakers von Srebrenica sind am Dienstag in Potocari bei der ostbosnischen Kleinstadt beerdigt worden. Die Gedenkfeier, der auch die Chefanklägerin des UNO-Kriegsverbrechertribunals, Carla del Ponte, beiwohnte, war ausschließlich von religiösem Charakter.

Del Ponte erklärte, dass es ihr Leid tue und dass sie "sehr wütend ist, weil (der frühere Präsident der Republika Srpska) Radovan Karadzic und (der ehemalige bosnisch-serbische Militärchef) Ratko Mladic noch flüchtig sind". An der Gedenkveranstaltung zum zehnten Jahrestag des Massakers hatte die Tribunals-Chefanklägerin im Vorjahr nicht teilgenommen. Sie bekundete somit ihre Unzufriedenheit darüber, dass Karadzic und Mladic noch nicht festgenommen wurden. Beide wurden vom UNO-Tribunal bereits im Sommer 1995 angeklagt.

Vertreibung aus der UNO-Schutzzone

In der Woche von 12. bis 19. Juli 1995 ermordeten bosnisch-serbische Truppen, die die Bosniaken-Enklave am 11. Juli vor elf Jahren erobert hatten, in Srebrenica rund 8.000 bosniakische (moslemische) Einwohner. Etwa 30.000 Frauen und Kinder wurden in nur zwei Tagen aus der Stadt in Richtung Tuzla vertrieben. Während des Bosnien-Krieges (1992-1995) hatte Srebrenica den Status einer UNO-Schutzzone.

Es sei die Zeit gekommen, sich "an den Türken zu rächen", hatte der Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic, nach der Stadteroberung vor laufenden TV-Kameras gesagt.

Von vielen Opfern fehlt nach wie vor jede Spur

In Potocari wurden bereits zuvor knapp 2.000 identifizierte Massaker-Opfer beerdigt, deren Leichen nach dem Kriegsende in mehr als 30 Massengräbern in Ostbosnien entdeckt wurden. In der Ortschaft Kamenica bei Zvornik, an der Staatsgrenze zu Serbien, wurden im Juni aus einem weiteren Massengrab 268 Srebrenica-Opfer ausgegraben. Von vielen Opfern fehlt aber nach wie vor jede Spur.

Zu der Gedenkfeier am Dienstag sind rund 40.000 Menschen, darunter viele Überlebende und Angehörige der Toten, angereist. Auf dem Gelände vor den Toren Srebrenicas sind bereits rund 2000 der insgesamt etwa 8000 Opfer des Massakers begraben.

Rund 30.000 Personen, mehrheitlich einstige moslemische Stadtbewohner, Rund 1.000 einstige Srebrenica-Einwohner nahmen auch heuer an einem mehrtägigen "Todesmarsch - Freiheitsweg" in Erinnerung an ihre Flucht vor bosnisch-serbischen Truppen aus der Stadt nach Tuzla teil. Der Marsch führte allerdings in entgegengesetzter Richtung.

Ehrung

Mit der im Vorjahr gegründeten Auszeichnung "Srebrenica 1995" wurde unterdessen der Präsident der Gesellschaft für bedrohte Völker International (GfbV), Tilman Zülch, geehrt. "Zülch und seine Gesellschaft für bedrohte Völker werden für all ihre Unterstützung und ihren Beistand beim Ringen der Überlebenden um Wahrheit und Gerechtigkeit" ausgezeichnet, hieß es in der Begründung von drei Bewegungen der Mütter und Witwen der Opfer.

Während der dreieinhalbjährigen Belagerung der früheren UNO-Schutzzone durch serbische Truppen hielt Zülch direkten Kontakt zu den in der ostbosnischen Stadt Eingeschlossenen. Gleich nach dem Einmarsch der serbischen Truppen, die Buben und Männer selektierten und abtransportierten, warnte Zülch davor, dass sie ermordet werden sollten.

Im Vorjahr ging die Auszeichnung an den früheren polnischen Ministerpräsidenten und Sonderbevollmächtigten der UNO-Menschenrechtskommission für Bosnien 1992-1995, Tadeusz Mazowiecki.

Prozess

Zwei Hauptverantwortliche für das Massaker, der frühere Militärchef der bosnischen Serben Ratko Mladic und ihr damaliger Zivilführer Radovan Karadzic, sind bereits im Sommer 1995 vom UNO-Tribunal angeklagt worden. Sie sind weiterhin flüchtig. Am kommenden Freitag soll vor dem Haager Tribunal allerdings der bisher größte Prozess in der Causa Srebrenica beginnen. Auf der Anklagebank werden sieben ehemalige ranghohe Offiziere der bosnisch-serbischen Streitkräfte sitzen. Ihnen wird Völkermord und andere Kriegsverbrechen angelastet.

Des Jahrestages des Massakers wird auch in Serbien gedacht. Die nichtstaatliche Organisation "Frauen in Schwarz" hielt am Montagabend im Stadtzentrum von Belgrad wie auch schon in früheren Jahren eine Kundgebung in Erinnerung an die Massaker-Opfer ab. "Die Bürger und die Bürgerinnen Serbiens sind nicht nur Geiseln von Ratko Mladic und anderen nicht ausgelieferten Haager Angeklagten, sondern auch der derzeitigen Regierung und eines gestörten Wertsystems, in welchem Verbrecher als Helden gerühmt und Bürger, die die Verantwortung für den Krieg und die Kriegsverbrechen fordern, zu Verrätern erklärt werden", sagte die NGO-Leiterin Stasa Zajovic. "Nie mehr", stand auf einem der Spruchbänder, mit dem die Frauenorganisation an das größte Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg erinnerte.

Die "Initiative der Jugendlichen für Menschenrechte", eine weitere nichtstaatliche Organisation, gedachte in neun Städten Serbiens ebenfalls in Kundgebungen an das Srebrenica-Massaker. (APA)

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    Elf Jahre nach dem Massaker von Srebrenica sind in Potocari bei der ostbosnischen Kleinstadt 505 weitere Opfer beerdigt worden.

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