Stress beeinträchtigt Entwicklung der Schaltkreise im Gehirn

21. März 2007, 16:57
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Versuche an Ratten: Vernachlässigung und Misshandlung im Kindesalter können negativen Einfluss auf Hirn-Strukturen haben

Wien - Stress schädigt, eine gute "Kinderstube" hingegen schützt Kinder. Dies dürfte sogar schon im Mutterleib beginnen, wie am Dienstag beim Europäischen Hirnforscher-Kongress in Wien (bis 12. Juli mitgeteilt wurde.

Stress, Vernachlässigung und Misshandlung im Kindesalter beeinträchtigen jedenfalls die Entwicklung des Gehirns des Ungeborenen. Vor allem beim männlichen Geschlecht stört vorgeburtlicher Stress die Entwicklung der Nervenzellen im Emotionssystem. Dies belegen Untersuchungen an Ratten, die Univ.-Prof. Dr. Katharina Braun von der Universität in Magdeburg in Deutschland bei dem Kongress präsentierte.

Das Team untersucht den Einfluss dieser Schadfaktoren auf die Gehirnentwicklung und das Verhalten bei Laborratten und Strauchratten (Octodon degus), nahen Verwandten des Meerschweinchens. "Werden diese Tiere geboren, befinden sie sich in etwa auf dem Entwicklungsstand eines menschlichen Säuglings", erklärte Katharina Braun.

Der Reifegrad von Rattenbabys bei der Geburt ist hingegen eher mit dem menschlicher Frühgeborener vergleichbar. Strauchratten werden - im Gegensatz zu Laborratten - darüber hinaus von Vater und Mutter gemeinsam erzogen und sind äußerst kommunikativ: Sie verständigen sich intensiv durch Pfeiflaute.

Negativer Einfluss auf strukturelle Gehirnentwicklung

Werden die Jungen von ihren Eltern getrennt, können die Wissenschafter die Wirkung am Gehirn ablesen: In verschiedenen Regionen, darunter auch in den Emotionszentren (cingulärer Cortex), vermindert sich der Stoffwechsel. "Dauert diese stressinduzierte Senkung der Gehirnaktivität über längere Zeit an", vermutet die Wissenschafterin, "wirkt sich dies auf die strukturelle Entwicklung der Schaltkreise im Gehirn negativ aus."

Tatsächlich zeigen weitere Untersuchungen der Forscher an den Tieren, dass selbst milder Stress bereits strukturelle "Spuren" im kindlichen Gehirn hinterlässt. Werden die Jungen einmal täglich für eine Stunde von den Eltern getrennt, oder erhalten täglich eine Injektion von Kochsalzlösung, verändert dies Struktur und Verschaltungen der Nervenzellen. Der kurze Entzug der elterlichen Zuwendung führt dazu, dass der Nachwuchs mehr Synapsen (Verknüpfungsstellen) zwischen Nervenzellen bildet als Kontrolltiere. Die Injektion reduziert hingegen die Zahl der Synapsen.

"Dies macht deutlich, dass die Art des Stresses eine wesentliche Rolle für die 'Emotionszentren' des kindlichen Gehirns spielt", sagte die Wissenschafterin. Auch wenn die Jungen vaterlos aufwachsen - in diesem Fall zeigen die "verlassenen" Mütter keine verstärkte mütterliche Fürsorge als Kompensation für den fehlenden Vater - bilden die Tiere weniger Synapsen als Kontrolltiere.

Stress der Mütter

Weitere Erkenntnisse: Werden Rattenmütter im letzten Schwangerschaftsdrittel unter Stress gesetzt, dem sie nicht auswichen können, leidet auch der Nachwuchs. Die Nachkommen sind ängstlicher, sie sind anfälliger für depressive Erkrankungen oder Störungen, die an die Schizophrenie des Menschen erinnern. Auch das scheint ihren Ursprung in einer schlechteren "Verkabelung" im Gehirn haben.

Ein anderes Beispiel präsentierte Dr. Igor Branchi vom Istituto Superiore di Sanita in Rom bei dem Kongress: Er bildete Tiergruppen von Mäusen, die von drei Muttertieren gemeinsam gestillt wurden. Bei ihnen zeigte sich später eine höhere soziale Kompetenz als bei Mäusen aus "Einzelfamilien". Das ließ sich bis in den Gehirnstoffwechsel nachverfolgen, wo mehr Nerven-Wachstumshormone registriert wurden. (APA)

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