Der Mensch als Eraser- und Refiller-Head

11. Juli 2006, 12:55
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Johanne Saunier und Jim Clayburgh haben einen erstaunlichen Coup gelandet

Das Stück handelt nicht von einer Frau, obwohl seine Protagonistin, die belgische Tänzerin und Choreografin Johanne Saunier, sichtlich eine solche ist. Sauniers neuestes Werk, Erase-E(X), das bereits beim Festival Sommerszene Salzburg 06 zu sehen war, ist indes eine erstaunliche Analyse dessen, wie das, was wir uns als "Person" vorstellen, funktionieren könnte.

Mit Blick auf die Tatsache, dass nichts bloß ein isoliertes Original sein kann, sondern nur die Weiterentwicklung von Bestehendem, publizieren Saunier und Jim Clayburgh (zusammen als Stück-Autoren Joji Inc) die Vorgeschichte: "Der Popkünstler Robert Rauschenberg radierte 1953 über eine Zeichnung von Willem de Kooning, und es entstand das Bild ,Erased de kooning drawing'. Inspiriert von dieser Vorgangsweise adaptierte Joji Inc die Methode für ein Tanzstück."

Die New Yorker Wooster Group überarbeitete also choreografisches Material von Anne Teresa De Keersmaeker mit psychologisierenden Elementen (darunter einen Dialog aus Godards Film Die Verachtung). Keersmaeker übernahm diese Form und radierte die Psycho-Ebene aus. Saunier tanzt diesen zweiten Teil erst zu klassischer indischer Trommelmusik und dann zu Dolly Partons sentimentalem Song Jolene. In Teil drei überspielt die Regisseurin Isabella Soupart das Vorangegangene mit Theaterbausteinen. Sie ist es auch, die der Solistin Saunier einen Macho an die Seite stellt. Diese Vorgangsweise ist nicht nur eine Attacke gegen das Kunstwerk als "Original", sie ist auch ein Bekenntnis zum Recycling von Methoden und zur künstlerischen "Originalität" aus der Ehrlichkeit gegenüber seinen Referenzen. Als Metapher des unfixierbaren Subjekts mit seinen gedächtnishaften Löschungen und Überschreibungen stellt Erase-E(X) einen Coup dar. Noch dazu einen hervorragend getanzten. (ploe, SPEZIAL/ DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2006)

"Erase E(X)"
im Kasino Schwarzenbergplatz
am 17. 7., 21.00
  • "Erase E(X)" als Attacke gegen das Kunstwerk als "Original" und als Bekenntnis zum Recycling von Methoden: die Solistin Johanne Saunier.
    foto: impulstanz/gunther

    "Erase E(X)" als Attacke gegen das Kunstwerk als "Original" und als Bekenntnis zum Recycling von Methoden: die Solistin Johanne Saunier.

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