Unser dummer Pöbel meint" - Mozart

11. Juli 2006, 12:50
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Drei tänzerische Ver­suche über Wolf­gang Amadeus, kontro­vers choreo­grafiert von dem Österr­eicher Gehmacher, der Bel­gierin Saunier und dem Spanier Sanchis

Der Österreicher Philipp Gehmacher, der Spanier Salva Sanchis und die Belgierin Johanne Saunier zeigen radikale bis unterhaltsame Bewegungsstudien zu ausgewählten Mozart-Kompositionen.

Der international für seine Klassikerinterpretationen renommierte Klavierspieler Alexander Lonquich fragmentiert, visualisiert und mediatisiert diese tänzerischen Auseinandersetzungen. Die überhöhte Figur Mozart ist im Jubiläumsjahr 2006 überall präsent: Mozartkugeln, Mozart-Ausstellungen, Mozart-Gesamtausgaben, Mozart-Spiele. Die Huldigungen im Wettstreit der Mozart-Städte Salzburg und Wien nehmen bis zum Todestag und dem letzten Requiem am 5. Dezember kein Ende. Die Kultisierung seiner Biografie und die Fetischisierung seiner Musik erreichen spektakuläre Höhepunkte.

Die zeitgenössische Choreografie wählt einen anderen Zugang. Sie nähert sich im Rahmen der von der Stiftung Mozarteum in Kooperation mit der Szene Salzburg und ImPulsTanz in Auftrag gegebenen Mozart-Choreografien über Struktur, Leitthema oder Experiment an. Denn ihre Urheber wissen: Jede Verdoppelung oder ein unkommentiertes Vertanzen Mozarts sind zum Scheitern verurteilt. Philipp Gehmacher machte in den letzten Jahren mit seinen konzentrierten gestischen Verhandlungen jenseits der Berührung und der Eindeutigkeit auf sich aufmerksam.

Nicht das Zusammenspiel, sondern das Gegenüber von Bewegung und Klang, von Choreografie und Komposition interessiert ihn in dem Stück das überkreuzen beyder hände. "Ich höre zu, schaue zu und hoffe, dass Mozart auch mir zuhört. Vielleicht gehen wir einmal nicht davon aus, dass wir alles über Mozart wissen", meint Gehmacher.

Gerade diese unbekannten, stillen Räume in Mozarts h-Moll-Adagio KV 540 und der Fantasie in c-Moll KV 475 werden in Gehmachers Choreografie hörbar. Die Gesten des Pianisten Lonquich und die von Gehmacher gestalteten und geformten Bewegungen überkreuzen einander: Das Solo wird zum Duett, der Körper zum Instrument. Die musikalischen Strukturen der Vergangenheit und auch der Tanz, der Gestus des 18. Jahrhunderts werden gerade durch das "andere" Seh- und Hörerlebnis gegenwärtig.

Der spanische Choreograf Salva Sanchis, bis 2003 Mitglied bei der von Anne Teresa De Keersmaeker geleiteten belgischen Company Rosas, und die Tänzerin Manon Santkin zeigen zu zehn musikalischen Variationen von Unser dummer Pöbel meint (KV 455) ein heiteres Duett. Das Thema Liebe und seine verschiedenen Schwingungen, Drehungen, Balanceakte und Sprünge sind in diesem Beitrag vielgestaltig. Annäherung und Distanz, Bewegung und kurzer Stillstand, die kühnen und auch leicht derben Fantasien scheinen hier zeitlos zu sein. Das Klavierspiel Lonquichs und die Choreografie treten in einen amourösen Dialog, der tänzerisch und musikalisch verführen soll.

Ebenfalls bei Rosas verkörperte Johanne Saunier über zehn Jahre lang Tanzlust und Präzision. Mit ihrer eigenen Formation Joji Inc setzt sie sich in Urban Bubbles mit alten und neuen Hörtechniken von Mozarts Musik auseinander. Mit Beniamin Boar und Julie Verbiennen kreiert sie ein Trio zur a-Moll Sonate (KV 310). Darin generiert das Spiel Lonquichs sowie der als gleichwertiges Medium inszenierte iPod einen Mix von alten und neuen (Tanz-)Figuren und Maskeraden. (Nicole Haitzinger /SPEZIAL /DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2006)

"Mozart Choreografien"
im Akademietheater
am 20. + 22. 7., 21.00
  • Philipp Gehmacher macht unbekannte Räume in Mozarts h-Moll-Adagio KV 540 und der Fantasie in c-Moll KV 475 hörbar.
    foto: impulstanz/ würdinger

    Philipp Gehmacher macht unbekannte Räume in Mozarts h-Moll-Adagio KV 540 und der Fantasie in c-Moll KV 475 hörbar.

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