Pressestimmen: "Für Russland zur richtigen Zeit"

11. Juli 2006, 11:30
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Iswestija: "Tschetschenien-Krieg ist zu Ende"

Zürich/New York/Paris - Zahlreiche Zeitungen befassen sich am Dienstag mit dem Tod des tschetschenischen Terroristenführers Schamil Bassajew.

  • "Neue Zürcher Zeitung":

    "Bassajew, der ursprünglich lediglich für eine möglichst weitgehende Unabhängigkeit Tschetscheniens von Moskau eingetreten war, hat sich im Laufe der Zeit allmählich immer islamistischer gegeben. Er trat zuletzt für die Bildung eines islamistischen Kalifats ein, das den ganzen Kaukasus umfassen sollte. Sofern Bassajew am Montag wirklich gestorben ist, dürfte dies zusammen mit der erst vor einem Monat erfolgten Tötung des nominellen ´Präsidenten´ der Rebellenregierung, Saidulajew, den tschetschenischen Widerstand wohl tatsächlich entscheidend schwächen. Dass die verarmte, radikalisierte und wenig stabile Region deswegen allerdings, wie von der Kreml-Propaganda gewünscht, in naher Zukunft zur Normalität finden wird, bleibt vorerst wohl Wunschdenken."

  • Die konservative französische Zeitung "Le Figaro":

    "Die Eliminierung des tschetschenischen Terroristen Schamil Bassajew kommt für (russischen Präsidenten) Wladimir Putin genau zum rechten Zeitpunkt vor dem G8-Gipfel, der am Freitag in Sankt Petersburg beginnt. Entschlossen auf gleicher Augenhöhe mit George W. Bush und seinen anderen Partnern zu sprechen, wird Wladimir Putin in diesem Erfolg gegen die terroristische Bedrohung ein Element der Gleichrangigkeit seines Landes im Vergleich zum Westen sehen. (...) Der Auftritt eines neuen Russlands, das selbstsicherer und entschlossen ist, seine Interessen zu vertreten, bedeutet für die anderen G8-Mitglieder, eine Neudefinition ihrer Beziehungen zu Moskau. Und für Russland eine stärkere Berücksichtigung seiner Beziehungen zum Westen. Für die USA und Europa ist Russland weder ein Alliierter, dessen Zustimmung man von vorne herein hat, noch ein Gegner, der ständig opponiert."

  • "New York Times":

    "Moskau würde einen tödlichen Fehler machen, wenn es sich zu dem Glauben hinreißen ließe, dass es den tschetschenischen Konflikt allein als Rebellenjagd behandeln könnte. Zu viel Blut ist vergossen und zu viele Gräueltaten sind begangen worden, seit Tschetschenien sich vor 15 Jahren für die Unabhängigkeit entschied, als dass es irgend eine Möglichkeit für einen eindeutigen militärischen Sieg gibt. Wenn Russland weiterhin nur Rebellen zur Strecke bringt, werden sie nur immer mehr werden und den Konflikt in andere Teile des Nordkaukasus tragen. Eben weil Bassajews Tod eine Hauptquelle der Gewalt beseitigt und weil es eine Gefechtspause gibt, sollten die Russen die Chance zu Friedensgesprächen mit den Separatisten ergreifen."

  • "Corriere della Sera":

    "Die Beschuldigungen des Kremls sind schwer. Schamil Bassajew plante einen spektakulären Angriff auf den G8-Gipfel. Aber die erste Reaktion gebietet Vorsicht. Denn die russischen Geheimdienste lassen keine Gelegenheit aus, um die tschetschenischen Separatisten als Teil des großen, destabilisierenden Plans mit dem Stempel von El Kaida darzustellen. Die Rebellen wären nach dieser Version Teil des Übels des Terrors. Die Moral: Wir können jedes Mittel anwenden, um sie auszulöschen und die internationale Gemeinschaft muss uns bedingungslos unterstützen, ohne allzu sehr auf die Verletzung der Menschenrechte zu achten. Aber diese Thesen überzeugen nicht immer und geben Grund zu berechtigten Zweifeln."

  • "Iswestija" (Moskau, kremltreu):

    "Nach der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 2006 verliert alles Gerede über den angeblich fortdauernden Krieg in Tschetschenien seinen Sinn. Bassajew war dessen Haupttriebkraft und brutaler Anführer, ihm folgten die einfachen Rebellen. Gerade Bassajew und der Jordanier Chattab führten den überfall auf Dagestan im August 1999 an, nachdem Tschetschenien einige Jahre faktisch in Unabhängigkeit von Russland gelebt hatte. So begann der zweite Tschetschenien-Krieg. Jetzt sind beide Anstifter tot, genauso wie die Präsidenten Dudajew und Maschadow und ihr Chefideologe Jandarbijew."

  • "Il Messaggero" (Rom):

    "Die gestern von Nikolai Patruschew, dem Chef des FSB, verbreitete Nachricht (...) ist so wichtig, dass sie ganz Russland aufrüttelt. Bassajew war der ´Feind Nummer 1´ des Kremls, ein Terrorist des härtesten Flügels des tschetschenischen Islamismus - den Wahhabiten - der die blutigsten Attentate organisiert hatte. (...) Mit seiner Tötung hat der Kreml einen wichtigen Schritt hin zur Beendigung seiner Spezial-Operationen getan, die 1999 begonnen und als ´antiterroristisch´ definiert worden waren. Diese Operationen hatten immer wieder die Menschenrechte verletzt und waren deshalb vor allem von Europa verurteilt worden. Mit Bassajews Tod hat die Guerilla ihren Kopf verloren und die russisch-orientierte Regierung Tschetscheniens gewinnt dadurch an Kraft.

  • "Basler Zeitung":

    "Noch Anfang der neunziger Jahre verteidigte Bassajew in Moskau das Weiße Haus für Präsident Boris Jelzin gegen Putschisten. Die folgende Karriere erst als Rebell, dann als Terrorist steht stellvertretend für zwei kurz aufeinander folgende Kriege in Tschetschenien und für eine Verrohung der Sitten beider Krieg führender Seiten. Nicht nur in Tschetschenien kommen jedes Jahr Hunderte von Menschen ums Leben, die anders als die Kinder von Beslan kaum für Schlagzeilen sorgen. Das gewaltsame Sterben hat sich auf fast alle anderen russischen Teilrepubliken im Nordkaukasus ausgeweitet. Der Kreml mag den Tod Bassajews als Sieg ausgeben. Doch es ist nur ein Pyrrhussieg. Dem Frieden ist Tschetschenien und der Nordkaukasus nach dem Tod des Staatsfeindes Nummer eins nicht näher gekommen."

  • Die Moskauer Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda":

    "Bassajew wollte mit dem Lastwagen voller Sprengstoff den Kreml bloßstellen vor den Staats- und Regierungschefs der G8. Doch der Anschlag verkehrte sich ins Gegenteil. Die erfolgreiche Beseitigung des Chefs der russischen Al Kaida vor dem Gipfel lässt Putin mit großem Behagen auf Bush sehen, der seinen Bin Laden ergebnislos sucht. Bassajew hat Russland erstmals in die Hände gespielt. Durch seinen Tod." (APA/dpa)

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