Auf Schnellspanners Spuren

12. Juli 2006, 17:16
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Natürlich gibt es höhere Pässe - Aber kaum geschichtsträchtigere für Radfahrer wie den Croce d’Aune – Eine Spurensuche

1011 Höhenmeter sind nicht die Welt, auch nicht, wenn man von rund 200 Hm wegstartet. Wer also eine Geschichte des anmutigen Scheiterns in der Steilwand lesen wollte: Sorry, kommt jetzt nicht, obwohl solche Berge im Veneto auch am Weg liegen, zum Beispiel der Monte Tomba.

Beim Rauffahren steht man mit der Nase am Berg an, und Bergabfahren fühlt sich an, als mache man einen Handstand am Lenker. Wer die Bremsen kurz loslässt, weiß ungefähr, was man bei einem Sprung aus dem fünften Stock so denkt.

Darum aber geht’s diesmal nicht, sondern um den Croce d’Aune, und nicht zufällig trug in den späten 80er-Jahren Campagnolos zweitteuerste Komponentengruppe diesen Namen: Hier hatte Tullio Campagnolo 1927 beschlossen, die Schnellspannachse zu erfinden, heute Standard auf allen Rädern, die nicht aus dem Kaugummiautomaten gedrückt werden.

Und wie alle großen Erfindungen passierte sie ihm nicht aus heiterem Himmel, sondern aus bewölktem: Beim jenem Rennen am 11.November war das Wetter schon etwas rescher, der Berg auch nicht flacher als heute, daher wurde am Beginn des Anstiegs das Hinterrad gewendet – die Schaltung war am Rennrad noch nicht gebräuchlich, aber auf jeder Seite der Hinterradnabe war ein Zahnrad montiert, eines für die Ebene, eines als Rettungsanker.

Am Croce d’ Aune wollte das Hinterrad abermals umgedreht werden, im Schneetreiben aber waren Tullio Campagnolos Finger zu klamm, um die Flügelmutten zu lösen. Also beschloss er, Abhilfe zu erfinden, man weiß, wie die Geschichte weiterging.

Wir wollen nicht allzu genau den November 1927 nachspielen, also fahren wir einfach im Sommer. Wir parken das Auto in Pedavera, weil da weniger andere Autos herumwuseln als in Feltre, radeln nach Artén, gewinnen Fonzoso und mäandern in angenehm ansteigenden Bahnen zu einem Ort, dessen Name jedem Modelleisenbahn-Besitzer früherer Jahrzehnte sehr bekannt vorkommt.

Seltsamerweise sind die Häuser in Faller aber alle echt, also radeln wir ein Stückerl bergab Richtung Servo, das klingt nach Kraftersparnis, denken wir uns, aber nicht lange: Bei Salzen wird der Berg doch noch steil, wir passieren Aune und stemmen die letzten Höhenlinien bis zum Croce d’Aune nieder. (Ein Abkürzung von Faller zum Gipfel gibt’s auch, allerdings führt die nicht dezent bergauf zum Gipfel, sondern zuerst steil bergauf, dann allerdings rollt man bergab zum Pass, was jetzt ein bissl paradox klingt, aber wir haben die Topografie dort nicht erfunden.)

Am Croce d’Aune selbst steht ein üppiges Denkmal, das die Erfindung der Schnellspannachse als Bildgeschichte darstellt. Wer vermutet, dass Campagnolo selbst an der Aufstellung des Denkmals beteiligt war, liegt übrigens nicht falsch.

Zurück nach Pedavena geht’s dann ausschließlich bergab, in Summe war die Runde nicht länger als 42 km, und wir haben auch nichts erfunden dabei. Wie gesagt, keine besonders heldenhafte Geschichte. (Dietrich P. Dahl, derStandard.at, 10.7.2006)

  • Dem Croce d’Aune entgegen: Kein Berg, eher ein Meilenstein in der Geschichte des Fahrrads.
    foto: dahl

    Dem Croce d’Aune entgegen: Kein Berg, eher ein Meilenstein in der Geschichte des Fahrrads.

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