Verlangen, Lust und Schmerz

10. Juli 2006, 19:27
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Saskia Hölbling im falschen Haus der weißen Tage: "Jours Blancs" im Kasino am Schwarzenbergplatz

Die österreichische Choreografin Saskia Hölbling ist mit ihrem jüngsten Solo Jours Blancs in der Außenwelt angelangt.

Nach drei puristisch-körperanalytischen Arbeiten (exposition-corps, superposition-corps und Your body is your shoreline) begibt sie sich nun in größere Zusammenhänge und ergänzt die eigene Haut als äußerste Membran des zu Betrachtenden um eine weitere Schicht: eine stilisierte Wohnung mit Garderobe, Fernsehgerät und Badewanne.

Doch statt schöne, warme Heimeligkeit zu verströmen, wirkt dieser Ort unbehaglich und kühl. Er scheint einen unausweichlichen, heftigen Druck auf den Körper seiner Bewohnerin auszuüben.

So werden ihre alltäglichen Tätigkeiten von Baden über Essen und Trinken im Verlauf des rund einstündigen Abends zunehmend unsicherer, sie scheint sich in dieser falschen Heimat immer fremder und fremder zu werden. Da werden dann im Bademantel Cocktailparty-Posen probiert oder am nackten Unterleib Wäscheklammern wie schmerzlich aggressive Dornen befestigt.

Die wiederkehrenden Badeszenen verraten sehr deutlich die Entwicklung der Figur weg von sich selbst, hin zum unterdrückten Subjekt, das sich auslöscht.

Mit diesen Verkettungen, deren Ursachen dem Zuseher verborgen bleiben, will Hölbling einen Prozess thematisieren, "der den Körper nur noch als sich fremde Hülle übrig lässt", und damit Einblicke in unsere Beziehung zur Lust, zum Schmerz und zum Verlangen geben, wie es ihr künstlerischer Berater Gilles Amalvi ausdrückt. Denn die Angst und Frustration der Figur überträgt sich zunehmend auch auf den von der Tänzerin zum Voyeur gemachten Zuseher. Der muss selber die Grenze des zu Betrachtenden setzen und dabei definieren, bis zu welcher Schicht er das Unbehagen vordringen lässt. (hel /SPEZIAL /DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2006)

"Jours Blancs"
im Kasino am Schwarzenbergplatz am 21. 7., 19.30
  • Im Bade der eigenen Fremdheit wannt Saskia Hölblings bloßer Körper.
    foto: impulstanz/ n. hölbling

    Im Bade der eigenen Fremdheit wannt Saskia Hölblings bloßer Körper.

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