"Die ganze Stadt wird Stadion"

11. Juli 2006, 10:33
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Günther Marek ist im Innenministerium für die EM-2008-Sicherheit zuständig, die Gefahr hat sich vom Stadion weg verlagert, erklärt er im Gespräch mit Fritz Neumann

Standard: Inwiefern lässt sich eine WM in Deutschland, also eine viel größere Veranstaltung in einem viel größeren Land, mit einer EM in Österreich vergleichen?

Marek: Abgesehen davon, dass es 2008 dasselbe Semifinale geben kann, sind die topografischen Verhältnisse ähnlich, und das Gefahrenpotenzial ist ähnlich. Wir waren mit 86 Beamten in Deutschland, haben uns die diversen Bereiche der WM sehr genau angesehen, also zum Beispiel den Grenzschutz, die Logistik, die Einsatzleitung in den Spielstädten. Wir waren voll in die WM-Organisation eingebettet. Darüber hinaus waren 26 Leute praktisch die ganze WM über in München im Einsatz - zwanzig Uniformierte, die ganz normal Dienst versehen haben, vier Trickdiebstahlexperten und zwei Verbindungsbeamte. Binnen zehn Tagen werden Innenministerin Liese Prokop die Erkenntnisse vorgelegt.

Standard: Der Fantourismus hat völlig neue Dimensionen erreicht. Zehntausende kommen in Städte, obwohl sie keine Matchkarten haben, Public Viewing mit bis zu 60.000 Zusehern ist ein Wirtschaftsfaktor geworden. Aber wohl auch ein Sicherheitsrisiko.

Marek: Die FIFA und die UEFA kurbeln diesen Trend noch an, eben weil so wenige Fans in den Stadien Platz finden. So wie früher alle auf Clubbings gegangen sind, so geht man jetzt zum Public Viewing. Die ganze Stadt wird Stadion. Es stimmt schon, auch die Randale haben sich aus dem Stadion mehr und mehr wegverlagert. Aber der deutschen Erfahrung nach passiert kaum etwas, wenn - wie beim Public Viewing - positive Stimmung herrscht. Gefahr besteht eher, wenn zum Beispiel in der Innenstadt mehr oder weniger zufällig zwei Fangruppen aufeinanderstoßen.

Standard: Die deutschen Sicherheitskräfte haben mit "freundlichen Beamten"gepunktet, haben aber auch das eine oder andere Mal mir nichts dir nichts mehrere Dutzend Fans festgenommen, die ihnen gefährlich erschienen.

Marek: Der, wie es heißt, präventive Polizeigewahrsam ist ein Rechtsmittel, das uns in Österreich nicht zur Verfügung steht. Nach Angaben der deutschen Kollegen hat es zur WM-Sicherheit beigetragen.

Standard: Wird die österreichische Polizei bei der EM auf dieses Rechtsmittel zurückgreifen können?

Marek: So weit ich weiß, sind derzeit keine Initiativen in diese Richtung geplant.

Standard: In welchem Maß hat in Deutschland der Erfolg des Gastgeberteams zur friedlichen Stimmung beigetragen?

Marek: In außerordentlich hohem Maß. Man muss sich nur vorstellen, das deutsche Achtelfinale gegen Schweden wäre gekippt. Durchaus denkbar, wenn Larsson den Elfer zum 1:2 versenkt. Die Stimmung hätte sich verschlechtert, es hätte schon da und dort unfriedlich werden können. Das ganze Land ist ja vom Weiterkommen ausgegangen. Dieser Erwartungsdruck ist in Österreich nicht ganz so arg.

Standard: Andererseits sind Österreichs Erfolgsaussichten viel geringer. Da steht ja zu befürchten, dass erst gar nicht so gute Stimmung aufkommt.

Marek: Es kommt halt viel auf die Erwartungshaltung an. Und auf die Medien. Die sind in Deutschland voll hinter der WM gestanden, auch der Boulevard. Dort waren beispielsweise die Sicherheitsmaßnahmen kein großes Thema. Einem österreichischen Team ist von Haus aus natürlich nicht so viel zuzutrauen wie einem deutschen, auch 2008 nicht. Aber natürlich hoffe ich, dass es Erfolge gibt, ausschließen würde ich nichts. Nur Sie und ich, das steht wohl fest, werden uns nicht mehr umziehen und einlaufen. (DER STANDARD Printausgabe 11. Juli 2006)

ZUR PERSON: Günther Marek (44), Sohn des früheren Wiener Polizei-Vizepräsidenten, kickte in seiner Jugend für Rapid.
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