Rudolf Ekstein und die Liebe zum Lernen

17. Juli 2006, 12:48
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Ein Symposium ehrte den Psychoanalytiker

Wien - Rudolf Ekstein war ein Star: 1912 in Wien geboren, musste Ekstein 1938 vor den Nationalsozialisten in die USA flüchten. Doch anders als viele Emigranten kam er ab 1970 regelmäßig nach Österreich zurück - als begnadeter Kinderpsychotherapeut, als Spezialist für Supervision und vor allem als jemand, der die im deutschen Sprachraum ausgelöschte Psychoanalytische Pädagogik weitergepflegt hatte.

Rudolf Ekstein war aber auch ein Sammler. Von Büchern und Zeitschriften sowieso, ebenfalls jedoch von Objekten aller Art. Dementsprechend hinterließ er, als er im März vergangenen Jahres in Los Angeles starb, eine reichhaltige Bibliothek, die aus kinderanalytischer Literatur, Kultur- und Entwicklungstheorien, psychoanalytischen Werken, Figurinen, klassischen Sammelstücken und, und, und, bestand. Ein wahrer Schatz, so vermitteln jene, die damit zu tun haben, blieb hier zurück, der im Übrigen ab Herbst dieses Jahres an der Universität Wien zu sehen sein wird.

Zusammen mit der Tatsache, dass Eksteins Wunsch entsprechend ein Teil seiner Asche vergangenen Dienstag in Wien beigesetzt wurde, war diese Schenkung auch der Anlass dazu, ihm ein eigenes Symposium zu widmen: "From Learning for Love to Love of Learning" hieß die Veranstaltung, die selbst wieder zu einer Art Sammlung wurde.

Denn in den zwei Stunden, die sie dauerte, wurde von nicht weniger als sieben Vortragenden gleichsam ein virtuell-textueller Raum "aufgespannt", in dem am Ende unzählige Ekstein-Fragmente und -Bruchstücke in die Denkwelt des "Rudi Ekstein" führten.

Da war beispielsweise die Spur, die der Veranstaltung ihren Namen gegeben hatte: "From Learning for Love to Love of Learning".

Beginn der beruflichen Laufbahn

Tatsächlich war Ekstein ja erst langsam zum Psychoanalytiker geworden; am Beginn seiner beruflichen Laufbahn waren vielmehr die Psychologie und speziell die Philosophie gestanden. Über Letztere war er mit Moritz Schlick und dem "Wiener Kreis" verbunden gewesen, der von seinen Studenten forderte, sie mögen ihre eigenen Gedanken entwickeln. Was Ekstein darauf brachte, auf die Suche nach den Wurzeln des eigenständigen Denkens zu gehen.

Er fand sie schließlich, wie Wilfried Datler von der "Forschungseinheit Psychoanalytische Pädagogik" darstellte, in der Sehnsucht des kleinen Kindes "nach einem gelingenden Zusammensein" mit seinen Bezugspersonen: Diese Sehnsucht lässt nach Ansicht Eksteins Kinder lernen und die Welt entdecken ("Learning for Love"), und diese kann - in Gang gebracht, gefördert und positiv erlebt - zu einer entdeckungswilligen Grundhaltung gegenüber dem Leben führen. Was sich schließlich in einer "Liebe zum Lernen" äußert.

In dem von den Vortragenden aufgespannten Raum nahmen aber auch noch ganz andere Spuren ihren Anfang; etwa die zum genialen Kinderpsychotherapeuten, die Max H. Friedrich und Helmuth Figdor legten.

Und da war auch noch die Spur zum Objekt-Theoretiker Ekstein, der die Winnicott'sche Idee von den "Übergangsobjekten" für Erwachsene nutzbar machte: Auch für den erwachsenen Menschen sind demnach Übergangsobjekte wichtig, um etwa die Kontinuität des Selbst abzusichern; z.B. dann, wenn sich - wie im Leben von Ekstein - eine Bruchlinie aufgetan hat und ein Wechsel von der europäischen in die amerikanische Kultur erfolgen muss.

Ekstein selbst diente in diesem Zusammenhang möglicherweise eine Karte von Moritz Schlick als Übergangsobjekt, mit der selbiger Ekstein zu sich bat. Mit dieser Karte, so die durchaus spielerische Deutung von Datlers Mitarbeiterin Helga Schaukal-Kappus, blieb er der alten geistigen Welt verbunden, während er eine neue betrat - und sie dadurch erst wirklich betreten konnte. (Christian Eigner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.7.2006)

  • Rudolf Ekstein - begnadeter Theoretiker
    foto: privatbesitz dorothea steichlechner

    Rudolf Ekstein - begnadeter Theoretiker

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