WM stützt die deutsche Wirtschaft

27. Juli 2006, 14:25
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Zwei Milliarden Mehreinnahmen hat die WM dem deutschen Einzelhandel gebracht. Die meisten Bundesländer wollen nun den Ladenschluss freigeben

Berlin/Wien - "Die Stimmung ist so gut wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr", freut sich Hubertus Pellengahr, Sprecher des Einzelhandelsverband. Ein Plus von zwei Milliarden Euro hatte der Einzelhandel vor Anpfiff der WM als Messlatte ausgegeben. "Dieses Ergebnis werden wir erreichen", sagte Pellengahr am Montag. Die Gewinner der WM sind die Branchen Unterhaltungselektronik, Sportartikel- und Fanartikel sowie Lebensmittel (Chips, Bier, Grillfleisch).

15 Millionen Bälle

So verkaufte Sponsor Adidas den offiziellen Spielball mehr als 15 Millionen Mal. 1,5 Millionen Käufer deckten sich mit dem Trikot der deutschen Nationalmannschaft ein. 2002 waren es nur 250.000 gewesen. Brauereien berichten von Absatzsteigerungen zwischen zehn und 15 Prozent, dazu beigetragen haben dürfte aber auch das heiße Wetter.

Aufschwung verspürten auch Hotels und das Gastgewerbe. Nach sinkenden Umsätzen in den vergangenen Jahren wird 2005 ein Plus von 1,5 Prozent erwartet. Die deutsche Bahn zieht ebenfalls positive Bilanz: 15 Millionen Menschen hat sie während der vierwöchigen WM transportiert, fünf Millionen mehr als erwartet.

Nicht alle haben profitiert

Doch es gibt auch Branchen, die von der WM-Euphorie nicht erfasst wurden. "Nicht der gesamte Einzelhandel hat profitiert, weite Teile davon waren unberührt oder negativ betroffen", räumt Pellengahr ein. Weder Möbel noch Haushaltsgeräte, Bücher oder Textilien waren während der WM besonders gefragt.

Heinrich Bayer, Analyst von der Postbank, sieht für dieses Jahr einen WM-Bonus von rund 0,25 Prozentpunkten beim BIP (sechs Milliarden Euro Investitionen in Infrastruktur und Stadien verteilen sich auf mehrere Jahre und den Konsum). Vor zu großer Euphorie warnt Dirk vom Ulbricht vom Münchner ifo Institut für Wirtschaftsforschung: "Wie erwartet, hat es leider kein Wirtschaftswunder auf Grund der WM gegeben."

Wenig Bewegung am Arbeitsmarkt

Ein wenig Bewegung hat es auch auf dem Arbeitsmarkt gegeben: Von den 50.000 neuen Jobs durch die WM werden laut Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) rund die Hälfte auf Dauer erhalten bleiben. Deutschland müsse jetzt den "Imagegewinn"durch die WM "für künftige Kampagnen nutzen".

Auch die verlängerten Ladenöffnungszeiten blieben weit gehend ungenützt. Einzelhandelssprecher Pellengahr: "Wir wussten, dass die Deutschen nicht kurzfristig zu einem Volk der Late-Night-Shopper werden."Dennoch wartet der Verband ungeduldig auf den Jänner 2007. Die meisten Bundesländer wollen dann den Ladenschluss rund um die Uhr frei geben, wobei Sonn- und Feiertage tabu bleiben. Möglich macht dies die soeben von der großen Koalition verabschiedete Föderalismusreform, der Ladenschluss ist künftig Sache der Bundesländer.

Abwarten in Österreich

Auf Österreich ist die in Deutschland geführte Debatte um die Ladenöffnungszeiten noch nicht übergeschwappt. Hannes Mraz, Geschäftsführer der Bundessparte Handel in der Wirtschaftskammer Österreich, ortet trotz "partieller Vorstöße"mancher Firmen und Geschäfte keine vergleichbare Diskussion in Österreich. "In Deutschland waren viele Leute auf der Straße, aber nicht in den Geschäften. Man wird sicher abwarten, ob das Geschäft gut oder schlecht gelaufen ist", sagte er zum Standard. Auch das Wirtschaftsministerium sieht derzeit keinen Anpassungsbedarf der geltenden gesetzlichen Regelungen in Österreich. (Birgit Baumann, Stefan Hofer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.7.2006)

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    Freudensprünge können nicht alle Händler in Deutschland machen, aber die Stimmung hat sich durch die Umsatzzuwächse in vielen Branchen deutlich verbessert. Auch die Hälfte der 50.000 neu geschaffenen Jobs dürften erhalten bleiben.

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