Reiche Ernte auf Pump

20. Juli 2006, 12:28
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Mit 154 Millionen Dollar mischte die Bawag Ende der Neunzigerjahre im Kunsthandel mit - Zu Höchstpreisen gekauft hat Wolfgang Flöttl, die Kredite zahlte die Gewerkschaftsbank

Wien – Die Erkenntnis, dass die Gewerkschaftsbank Bawag P.S.K.von 1998 bis 2003 de facto Eigentümerin wertvollster Gemälde von Künstlern wie Picasso, Cézanne, Degas oder van Gogh war und heute nach den Spuren dieser Bilder und ihrer Verkaufserlöse suchen lässt, erregt auch in der Kunstwelt Interesse.

Wie vom STANDARD exklusiv berichtet, überschrieb US-Investmentbanker Wolfgang Flöttl 1998, nach dem Auftauchen der ersten Karibik-Verluste, seine Gemäldesammlung an die Bawag. In den folgenden Jahren verklopfte er 73 (von insgesamt 78) Kunstwerke – der Erlös daraus sollte an die Bawag fließen. Ob das tatsächlich geschehen ist, dem gehen nun von der Bawag engagierte Detektive nach. Laut Notenbank-Bericht konnten „die tatsächlichen Erlöse vom Restrukturierungsteam noch nicht nachvollzogen werden.“

Hochkommender Sammler

Zu verdanken hat die Bawag den vorübergehenden Kunstgenuss der Tatsache, dass Flöttl in den Neunzigern als „ein neu hochkommender Sammler“ galt, wie Kultur-Journalist Stefan Kolderhoff vom Deutschlandfunk erzählt. Flöttl war in der Szene immer wieder aufgefallen; habe zu Höchstpreisen gekauft. So etwa kam etwa van Goghs „Die Ernte“ in seine Sammlung. Zu einem Preis, der sie zur teuersten Zeichnung aller Zeiten machte. Heute hängt das Bild in der Sammlung des deutschen Museums Folkwang.

Allerdings ließ sich Flöttl (er ist zum zweiten Mal mit derselben Eisenhower-Enkelin verheiratet) bei der Finanzierung seiner Sammlung unter die Arme greifen: Bei Sotheby’s stand er 1998 mit 154 Mio. Dollar in der Kreide; die Rückzahlung übernahm die Bawag. Eben diese Finanzierungsmethode großer Auktionshäuser wie Sotheby’s und Christie’s stößt bei Kunstexperten wegen ihrer Folgen (das Auktionshaus gibt dem Käufer Kredit, zieht so die großen Fische an Land und die Preise steigen) auf Unverständnis. „Denn so“, sagt Kolderhoff, „ist die Kunstmarkt-Blase entstanden – und 1990 geplatzt. Damals hat man feierlich gelobt, das nie mehr zu machen. Die Causa Flöttl zeigt, dass man fleißig weiter kreditiert hat.“

Sammeln auf Pump

Tatsächlich hatten die Kunstpreise 1990 enorme Höhen erzielt, der „Markt war sehr überhitzt, gekauft wurde alles, auch Schlechtes“, wie es die Chefin von Sotheby’s Österreich, Andrea Jungmann, ausdrückt. Vor allem Japaner hätten damals kräftig auf Pump gesteigert, mit fatalen Folgen. Die Preise vervierfachten sich, New Yorker Kunstauktionen brachten Rekordpreise. Van Goghs Porträt „Dr. Gachet“ brachte 1990 rund 82,5 Mio. Dollar und schlug so alle Rekorde. Auch Flöttl soll das Bild übrigens einmal besessen haben. Als der japanische Konjunkturfaden riss, war der Spuk mit einem Schlag vorbei. Die Sammler zahlten ihre Schulden nicht mehr, die Blase platzte, die Kunstwerke waren nur noch ein Viertel wert. Inzwischen hat sich der Kunstmarkt wieder erholt, bei der Londoner Impressionistenauktion im vergangenen Juni wurden in zwei Tagen 202 Mio. Dollar umgesetzt. Pech für die Bawag, denn Impressionisten hat sie keine mehr. In ihrem Kunstdepot lagern nur noch fünf Bilder des Wieners Franz Zadrazil, für die es nicht einmal einen Schätzwert gibt. Letzter Stand in Sachen Penthäuser: Ex-ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch wird seines, das er vertragsgemäß um wohlfeile 400.000 Euro kaufen dürfte, nicht erwerben. Das hat die Bawag bestätigt. (Renate Graber, DER STANARD, Print-Ausgabe, 11.7.2006)

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    Im Bild Wolfgang Flöttl.

  • Degas'berühmte "Rennpferde"liefen einst für Investmentbanker Wolfgang Flöttl. Schätzwert: 45 Millionen Dollar. Jetzt fahnden Detektive nach den Hufabdrücken, die ihr Verkaufserlös auf Bawag-Konten hinterlassen haben sollte.
    foto: standard

    Degas'berühmte "Rennpferde"liefen einst für Investmentbanker Wolfgang Flöttl. Schätzwert: 45 Millionen Dollar. Jetzt fahnden Detektive nach den Hufabdrücken, die ihr Verkaufserlös auf Bawag-Konten hinterlassen haben sollte.

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