Küsse und Krisen in einem Spiegelwald

10. Juli 2006, 19:01
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Maguy Marin gilt als eine der Choreografie-Ikonen Frankreichs: In ihrer die Wirklichkeit in Bewegungsscheiben schneidenden, toughen Produktion "Umwelt" ist zu sehen, warum

Marin hat mit Werken wie "May B" oder "Groosland" Weltruhm erlangt.


"Ich liebe das klassische Ballett mit seinem Formenkanon, aber ich habe das Gefühl, dass ich mit diesen Formen nicht über das heutige Leben erzählen kann", meint Maguy Marin und macht es mit ihrer Compagnie ganz anders. Eleganz und dramaturgischen Sog vermag ihre jüngste, umstrittene Arbeit Umwelt (Originaltitel) trotzdem zu bewirken. Zweimal gastiert die einer spanischen Flüchtlingsfamilie in Toulouse entwachsene Künstlerin damit bei ImPulsTanz im Volkstheater.

Das Stück, dem man nicht ganz unberechtigt die Nähe zu Forced Entertainments früheren Arbeiten attestiert, ist unbequem genug, um es nicht mit der Sheffield'schen Performancegruppe zu verwechseln. Es ist so puristisch wie eine Marthaler-Inszenierung, aber im Gegensatz dazu ungefähr so laut wie ein Flughafen (Ohrenstöpsel mitnehmen?). Dass sich Marin einmal intensiv mit Samuel Beckett befasst hat, meint man in speziellen Momenten selbst in dieser Arbeit noch zu erkennen.

Aus einem von Windmaschinen in Schwingungen versetzten Wald von Spiegelwänden treten Menschen heraus und verschwinden wieder - einzeln oder zu mehreren, synchron oder ohne erkennbare Ordnung. In langsamen, den stürmischen Verhältnissen auf der Bühne trotzenden Schritten ziehen sie ihre Kleidung an oder aus, tragen Schweinehälften oder Fikusbäume herum, knuddeln ein Baby, absolvieren im Gehen eine Kussszene oder watschen einander ab. Handlungsfragmente ziehen, vereinzelt in Wiederholungen, kontextlos am Zuseher vorbei und können von ihm selbst in eine Wahrnehmungskette geknüpft werden. Hie und da tritt einer aus dem kaleidoskopischen Fluss segmentierter Alltagsbewegungen heraus an die Rampe und hält inne.

Man kann Umwelt aber auch als narrationsloses "Zeigen" betrachten, als Aneinanderreihung figuraler Muster, als choreografisches Laufband unendlicher Bewegungsfragmente, die einer gemeinsamen Ästhetik angehören. Wie auch immer, am Ende ergibt das einen auf der Bühne zurückgelassenen Müllhaufen. (Margarete Affenzeller /SPEZIAL/ DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2006)

"Umwelt"
im Volkstheater am 19. + 21. 7., 21.00
  • Becketts Spuren bei Maguy Marin: Aus einem sturmgepeitschten Wald aus Spiegelwänden treten Menschen heraus und verschwinden wieder - einzeln oder zu mehreren, synchron oder ohne erkennbare Ordnung.
    foto: impulstanz/ ganet

    Becketts Spuren bei Maguy Marin: Aus einem sturmgepeitschten Wald aus Spiegelwänden treten Menschen heraus und verschwinden wieder - einzeln oder zu mehreren, synchron oder ohne erkennbare Ordnung.

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