"Die Sicherheitsgurte rissen wie Fäden"

11. Juli 2006, 21:12
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Nach wie vor Ungewissheit über Ursache der Flugzeugkatastrophe im sibirischen Irkutsk

Auch einen Tag nach der Flugzeugkatastrophe im sibirischen Irkutsk herrschte am Montag Unklarheit: Weder die genaue Zahl der Todesopfer war zu erfahren noch Details zur Ursache. Bekannt wurde, dass die Maschine erst im letzten Moment zum Einsatz kam. - Von Eduard Steiner aus Moskau


Irkutsk - Einen Tag nach der Flugzeugkatastrophe im sibirischen Irkutsk hat der russische Präsident Wladimir Putin am Montag Staatstrauer angeordnet. Eine eindeutige und endgültige Information über die Anzahl der Opfer lag aber noch nicht vor. Der russische Verkehrsminister Igor Lewitin, der die Untersuchungskommission leitet, sagte, bei der Bruchlandung des Airbus A-310 der zweitgrößten russischen Fluglinie "Sibir" seien 122 Menschen getötet worden, (wobei offenbar zwei in der Klinik Verstorbene nicht inkludiert sind). Sechs Menschen seien vermisst, 57 Verletzte in Spitalsbehandlung.

Die Zahl der Vermissten schwankte je nach Behörde zwischen sechs und neun. Insgesamt sollen 193 Passagiere und 10 Besatzungsmitglieder an Bord gewesen sein. 72 Personen haben überlebt - auch dank des mutigen Einsatzes der Stewardessen.

Die Mehrzahl der Überlebenden erlitt großflächige Verbrennungen und bleibt weiter in Spitalsbehandlung. Viele erlitten Brüche und Verstauchungen, weil sie sich mit einem Sprung aus bis zu vier Metern Höhe durch den Notausgang gerettet hatten. Die Identifizierung der Leichen gestaltet sich in einzelnen Fällen wegen der starken Verkohlung schwierig und wird genetische Expertisen erfordern.

Licht ging aus

Das aus Moskau kommende Flugzeug hatte am Sonntag nach der Landung plötzlich wieder beschleunigt, war über die Landebahn hinausgeschossen und beim Aufprall gegen eine Wartungshalle in Flammen aufgegangen. "Der Aufprall war so stark, dass die Sicherheitsgurte wie Fäden gerissen sind, die Passagiere sind übereinander gefallen, das Licht ging aus", zitiert die russische Tageszeitung Komsomolskaja Prawdaeine überlebende Stewardess. Mehrere Sekunden lang habe Totenstille geherrscht, dann sei ein Feuer ausgebrochen. "Die Panik war fürchterlich. Die Leute haben geschrieen: 'Öffnet die Tür!'"

Da der Flugschreiber noch nicht ausgewertet ist, bleibt die Ursache der Katastrophe vorerst im Dunkeln, vermutet wird Bremsversagen. Aufgetaucht sind nur einige neue Informationssplitter. Demnach kam der verunglückte Airbus erst im letzten Moment vor dem Abflug zum Einsatz, sodass die Passagiere dort freie Platzwahl hatten. Den Grund des Flugzeugwechsels nannte "Sibir"bisher nicht. Laut Pressedienst fliegen zwei gleiche Airbusse die Strecke Moska-Irkutsk, wobei Spezialisten immer erst im letzten Moment entscheiden, welcher zum Einsatz kommt.

Wie nach dem Gesetz der Serie kam es seit Sonntag in Russland zu mehreren außergewöhnlichen Situationen im Flugverkehr. Im südrussischen Simferopol vollzog ein A-310 von "Sibir"eine Notlandung, in Irkutsk eine TU-154. Eine Bruchlandung legte eine TU-137 auf der Krim hin. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.7. 2006)

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