Tiroler Frauenhäuser "ein Politikum"

10. Juli 2006, 18:42
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Autonome Einrichtungen gefährdet

Innsbruck - In Tirol, bundesweit das Schlusslicht beim Platzangebot für misshandelte Frauen und Kinder, erwägt die Landesregierung aus ÖVP und SPÖ, um Kosten zu sparen, mehrere Frauensozialeinrichtungen unter gemeinsame - öffentliche - Trägerschaft zu stellen. Für das seit 25 Jahren tätige Autonome Tiroler Frauenhaus, das trotz wachsenden Andrangs finanziell nicht abgesichert ist, würde dies das Aus bedeuten. Derzeit befinden sich 22 Frauen und 30 Kinder auf der Warteliste.

Der Wunsch, die diversen Einrichtungen wie das Frauenhaus, die ÖVP-nahe Beratungsstelle "Frauen-helfen-Frauen" und das Frauen-Dowas (für wohnungslose Frauen) unter ein Dach zu zwingen, trotz ihrer unterschiedlichen Konzepte und Funktionen, stammt nach Standard-Informationen von Landeshauptmann Herwig van Staa. Dieser lässt nur ausrichten: Er warte auf Vorschläge der Landesräte für Frauen und Soziales. Als Träger sind die städtischen Innsbrucker Sozialdienste (ISD) im Gespräch. VP-Frauenlandesrätin Elisabeth Zanon betont, ihr liege die "bestmögliche Betreuung am Herzen". Sie sehe "eine klare Verpflichtung der öffentlichen Hand".

Die Obfrau des Frauenhauses Marget Aull, auch Vorsitzende des österreichischen Psychotherapieverbandes, findet es "nicht nachvollziehbar", warum eine finanzielle Absicherung des "seit Jahren unterfinanzierten" Frauenhauses mit einer Änderung der Trägerschaft gekoppelt oder als "Übernahme" durch die öffentliche Hand gedacht werde. "Gravierende Nachteile"für die Arbeit und die Betroffenen fürchtet der Dachverband der österreichischen Frauenhäuser (AÖF). Politische Unabhängigkeit wie auch die Anonymität der Klientinnen, ein Prinzip der Frauenhausbewegung seit den 70er- Jahren, wären nicht mehr zu gewährleisten, meint Geschäftsführerin Maria Röslhumer. Ein "Vertrauensverlust der Klientinnen könnte die Folge sein".

Problem loswerden

"Keinen Grund" für eine neue Trägerschaft sieht Innsbrucks SP-Stadträtin Maria-Luis Pokorny-Reitter: "Das Frauenhaus leiste seit einem Vierteljahrhundert gute Arbeit. "Skeptisch zu einer "Übernahme" durch den städtischen ISD ist Innsbrucks Vizebürgermeister Eugen Sprenger (VP): "Das Land scheint ein Problem loswerden zu wollen." "Noch nicht überzeugt" ist auch die Obfrau von Frauen-helfen-Frauen, VP-Landtagsabgeordnete Anneliese Junker. Die Grünen fordern eine "rasche" finanzielle Lösung bei Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit. Grünen-Abgeordnete Angelika Hörmann spricht von einem "Politikum auf dem Rücken der Bedürftigen". (Benedikt Sauer, DER STANDARD, Print, 11.7.2006)

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