Sensibilität plus Stärke mal Intelligenz

10. Juli 2006, 19:38
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Das ImPulsTanz-Festival startet am 13. Juli im Burgtheater mit "D'un soir un jour", der jüngsten Arbeit von Anne Teresa De Keersmaeker

Bis zum 13. August zeigt das Festival herausragende Stücke aus Europa, Kanada und den USA - Österreich, [8:tension] und [kinderzimmer], inklusive.


Seit 25 Jahren ist die Belgierin Anne Teresa De Keersmaeker eine der erfolgreichsten Choreografinnen weltweit. Bei ImPulsTanz sind ihre Arbeiten seit 1994 regelmäßig zu sehen.

Ihre Karriere startete, als sich die 1960 geborene Künstlerin nach ihrer Zeit in Béjarts "Mudra"-Tanzschule in New York jene Erfahrungen holte, die sie 1982 zu ihrem legendären Duett Fase mit Michèle Anne De Mey führten.

Es war die passende Arbeit zur richtigen Zeit. Die heute so renommierte belgische Tanzszene war damals noch unbedeutend. In Flandern hatten sich aber sehr aktive Kulturzentren entwickelt, die im Gegensatz zu den behäbigen Stadttheatern den zeitgenössischen Tanz förderten. Fase löste eine Kettenreaktion aus, die bewirkte, dass der flämische Beitrag zum Tanz über 20 Jahre hin prägender war als jener Frankreichs, Englands und der USA zusammen.

Beflügelt von weiteren Größen wie Jan Fabre, Wim Vandekeybus, Alain Platel und Meg Stuart, exportierte Flandern grundlegende ästhetische Statements, die erst in den späten 90ern von den choreografischen Konzeptualisten Frankreichs und Deutschlands richtige Konkurrenz erfuhren.

Offensive Energie

Keersmaekers nächstes Werk, Rosas danst Rosas, war wieder ein Frauenstück, nun aber mit offensiverer Energie, die vermittelte: Diese Frauen sind keine Opfer mehr, denn sie sprühen vor Stärke, Entschiedenheit, Sensibilität und Intelligenz. Mit dieser Arbeit, die 1997 bei ImPulsTanz zu sehen war, stabilisierte die Choreografin ihre Reputation. Ihr Stil passte zu der Gesellschaft der 80er-Jahre, und ihre Werke haben bis heute die positiven Werte dieser Zeit der Neugier und des Hedonismus bewahrt. Sie bewegen sich stets zwischen tänzerischer Sinnlichkeit und struktureller Klarheit, stellen stets feine Bezüge von Tanz, Raum und Musik her, in wechselnden Formaten zwischen Solo (Once, 2002, leitete eine Phase ein, in der die Choreografin wieder selbst tanzte), Duett (Small Hands, 2001) und großer Besetzung wie In Real Time (2000) oder Rain (2001).

Florierender Tanz

Keersmaekers Tanzstil ist so unverkennbar wie die Qualität ihrer Company-Mitglieder. Experimente mit Oper, Theater und außereuropäischer Musik (Desh, 2005) kennzeichnen Keersmaekers Werkbiografie. In der zweiten Hälfte der 90er kehrte die Künstlerin noch einmal zu der Striktheit ihrer Anfänge zurück, als sie 1997 in Just before wieder Musik von Reich verwendete.

Das Folgewerk, Drumming, eine schöne, dynamische Arbeit, der als Grundmodell der goldene Schnitt diente, wurde bei ImPulsTanz 1998 uraufgeführt. Auch hier machte die Künstlerin deutlich, wie selbstverantwortlich Tänzer heute zu sein haben.

Immer noch floriert Keersmaekers Company Rosas, und die von der Choreografin gegründete Schule P.A.R.T.S. läuft bestens, denn viele ihrer Studenten sind zu wichtigen Künstlern herangewachsen.

Bei ImPulsTanz 2006 ist nun das jüngste Werk der Belgierin zu sehen, D'un soir un jour, ein Bewegungspoem zur Musik von Debussy, Strawinsky und George Benjamin, das nach seiner Premiere vergangenen Mai sehr gelobt wurde. Und die aktuellen P.A.R.T.S.-Absolventen werden an eigenen Abenden am 11. und 12. August zeigen, was sie in ihrer Ausbildung gelernt haben. (Helmut Ploebst /SPEZIAL /DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2006)

"D'un soir un jour"
im Burgtheater am 13. + 15. 7., 21.00
Zusatzvorstellung: 14.7., 21.00
  • "D'un soir 
un jour": 
Zur Musik von Claude Debussy, 
Igor Strawinsky und George Benjamin wachsen 
die Tänzerinnen und Tänzer von Anne Teresa De Keersmaekers Company Rosas 
über 
sich selbst hinaus.
    foto: impulstanz/ sorgeloos

    "D'un soir un jour": Zur Musik von Claude Debussy, Igor Strawinsky und George Benjamin wachsen die Tänzerinnen und Tänzer von Anne Teresa De Keersmaekers Company Rosas über sich selbst hinaus.

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