Erdgeist, geistlos

10. Juli 2006, 18:00
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Zwei Premieren, Frank Wedekinds "Lulu" und Stefan Zweigs "Rausch der Verwandlung", in Reichenau

Reichenau – Eine Frau wünscht sich beim Anblick ihres Spiegelbildes, ein Mann zu sein: "mein Mann". Der aber ist schon so gut wie tot, weil er, die Natur seiner Frau verkennend, auf deren moralische Einsicht in das eigene Tun setzt. Frank Wedekinds Lulu, Inbegriff der narzisstischen Unschuld und des buchstäblich männermordenden Eros, Skandalgestalt der deutschen Bühne um 1900, nimmt sich fremd aus im gediegenen Theaterambiente von Reichenau: statt des gepflegt traurigen Schnitzler-Tons Berliner Klartext über das Verhältnis von Mann und Frau ("Unter hundert Frauen sind neunzig, die sich ihre Männer erziehen"), statt des diskreten Charmes der Wiener Bourgeoisie die grell bizarre Konfrontation bürgerlicher Ehrbarkeit mit der Halb- und Zirkuswelt.

Weil aber die Intendanz den amphitheaterartigen "Neuen Spielraum" als den "Freigeist" der Festspiele interpretiert, als einen Ort, an dem die "traditionelle Programmlinie" erweitert werden soll, bietet sich Der Erdgeist, der erste Teil der Lulu-Tragödie, geradezu ideal an. – Vorausgesetzt, man hat eine Idee, wie man die Moritat vom Weib ohne Gewissen in die Theatersprache des 21. Jahrhunderts übertragen könnte. Regisseurin Maria Happel hatte keine Idee. Und sie, die selbst einmal eine erdgeisthafte Lulu war, hat auch keine Hauptdarstellerin: Die Berlinerin Wanda Worch singt nicht nur ihre Rolle auf einem einzigen Ton und stets fortissimo, sie vermag vor allem das Faszinosum der Vielbegehrten in keiner Hinsicht zu vermitteln. – Frank Wedekind hat die Lulu-Darstellerin der Wiener Uraufführung, Tilly Newes, vom Fleck weg geheiratet, und, wie der von ihm auf der Bühne verkörperte "väterliche Freund" Dr. Schön, zuvor seine Verlobte abserviert.

Bühne mit Ottomane

In Reichenau wird die Geschichte auf einer schlichten Bühne mit Ottomane lieblos exekutiert. "Schauspielertheater" ist eine schöne Sache, aber nicht ohne Schauspieler. Als Dr. Schön, der eigennützige Wohltäter, der seine Geliebte unter mancherlei Namen reichen Männern zuführt, um am Ende als Liebender Überlegenheit und Leben einzubüßen, hält sich Joseph Lorenz immerhin ebenso wacker wie Ludwig Blochberger als dessen Sohn Alwa. Eindrücklich spielt Marcello de Nardo die lesbische Gräfin Geschwitz. Ein dramaturgisch überflüssiger Ausblick auf Teil II (Die Büchse der Pandora) enthält die intensivste Szene: Ein Artistenpärchen stellt die Wahrheit der Körper in einem Trapezakt dar.

Dass Beverly Blankenships Inszenierung von Stefan Zweigs Rausch der Verwandlung ein anderes Kaliber hat, klärt gleich die erste Szene: Man hört Fliegengesumm, da steht ein Schreibtisch, da amtiert die Postassistentin Christine Hoflehner im Postamt von Klein-Reifling, wo ein Bleistift "eine Woche dauert" und ein Beamtenleben halt ein Leben, flankiert von zwei geisterhaft unsichtbaren Erzählern oder Schicksalsboten (Alexander Lhotzky, Hannes Gastinger).

Stefan Slupetzky hat den um 1930 entstandenen Roman aus Zweigs Nachlass konzis dramatisiert, die maßvoll ironische Regie entschärft alles Betuliche und Schwärmerische. Wie bei Lulu geht es auch hier ums Geld, um den gesellschaftlichen Aufstieg durch Erfolg am Heiratsmarkt. Christine, die als Gast ihrer reichen Tante im Schweizer Kurhotel die Luft der großen Welt atmen darf, ist nah dran. Als man jedoch ihre Herkunft enttarnt, sinkt ihr Marktwert rapid, das grandiose Alpenpanorama (Bühne: Peter Loidolt) verengt sich wieder zur Amtsstube. In der freudlosen Gasse der Kleinbürgerexistenz an der Kehrseite der Goldenen Zwanzigerjahre trifft sie Ferdinand, den an der Seele Kriegsversehrten, der sich von der jungen Republik um alles geprellt sieht.

Finaler Lebensgenuss

Beide beschließen, nach einer letzten gemeinsamen Nacht in den Tod zu gehen, in einem Szenario finalen Lebensgenusses, wie es Theodor Kramer in seinem Gedicht Die letzten Herbergen beschrieben hat. Zum Schluss jedoch siegen Pragmatismus und Unternehmergeist: Das Paar bedient sich aus der Postkassa, gewiss, dass es bei Gott den Prozess gegen den Staat "in allen Instanzen" gewinnen müsse.

Der leichte Tempoverlust im letzten Akt wird durch ein prächtiges Ensemble wettgemacht: Regina Fritsch als das unzufriedene Aschenputtel, Michael Dangl als ihr krimineller Erwecker, außerdem Marianne Nentwich, Sylvia Lukan und Toni Böhm. Man staunt: der als altmodisch verrufene Stefan Zweig liefert das aufregendere Theater. (Daniela Strigl /DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2006)

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