Hasentransport ist kein Kavaliersdelikt

12. Juli 2006, 19:20
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Die Volksanwaltschaft pocht auf Strafanzeige gegen Albertina-Chef Schröder wegen des Verleihs von Dürer-Werken ohne Ausfuhrgenehmigung

Wien – Im Frühjahr 2005 verlieh Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder zahlreiche Meisterwerke von Albrecht Dürer, darunter den Feldhasen, zunächst ohne Ausfuhrgenehmigung an den Prado. Man fragte sich, warum niemand für den "illegalen Tiertransport" zur Rechenschaft gezogen wurde. Aufgrund der Diskussion über mögliche Ungereimtheiten hat aber zumindest die Volksanwaltschaft ein Prüfverfahren durchgeführt. In ihrem Bericht, der dem STANDARD vorliegt, erhebt sie schwere Vorwürfe.

Denn die Leihgabenliste für die Prado-Ausstellung stand bereits am 31. August 2004 "endgültig fest". Die Albertina hätte also schon ein halbes Jahr vor der Eröffnung beim Bundesdenkmalamt (BDA) um eine Ausfuhrgenehmigung ansuchen können. Das Ansuchen traf aber erst am 15. Februar 2005 per Fax von der beauftragten Spedition ein.

Schröder versuchte, die Schuld der Kunsttrans zuzuschieben: Ihr war am 21. Dezember 2004 die Leihgabenliste übermittelt worden. Aber auch wenn die Agenden der Spedition übertragen wurden, könne die Albertina-Direktion nicht "aus ihrer Verantwortlichkeit als offizieller Antragsteller entlassen werden", meint die Volksanwaltschaft. Schröder hat zudem "unterlassen", für ein vollständiges Ausfüllen des Formulars Sorge zu tragen. Denn es fehlte die Bestätigung der Transportfähigkeit durch den Restaurator.

Ohne eine Genehmigung des BDA abzuwarten, verließ der erste Transport am 16. Februar Wien. Am gleichen Tag äußerte das BDA "gravierende Bedenken in konservatorischer Hinsicht": Es könne nur dann ein positiver Bescheid im Sinne des Denkmalschutzgesetzes – "worunter offensichtlich auch eine nachträgliche Genehmigung bereits verbrachter Werke zu verstehen war" – ergehen, wenn die herausragendsten Blätter, darunter der Feldhase, vom Antrag ausgenommen würden. Da der Hase aber bereits in Madrid weilte, konnte nur ein negativer Bescheid ergehen.

Die Albertina berief. Das Bildungsministerium trug daraufhin dem BDA auf, das fehlende Ermittlungsverfahren in Madrid nachzuholen. Dadurch entstanden aber erhöhte Verwaltungskosten.

Das BDA reagierte, wie die Volksanwaltschaft feststellte, auf die Ereignisse prompt. "Völlig unverständlich und zu beanstanden war jedoch, dass seitens des BDA keine Strafanzeige" erstattet wurde, obwohl das Gesetz die Ausfuhr von unter Schutz stehenden Kunstwerken ohne Genehmigung ausdrücklich unter Strafe stellt. (Wer vorsätzlich ein Denkmal widerrechtlich ins Ausland verbringt, muss bis zu 50.800 Euro zahlen.)

Das BDA verkenne "völlig die Rechtslage, wenn es vermeint, dass aufgrund einer möglichen nachträglichen Bewilligung eine Strafanzeige unterbleiben kann": Aus "spezial- und generalpräventiven Gründen wäre sehr wohl Strafanzeige zu erstatten gewesen", zumal es sich bei der von der Albertina gewählten Vorgangsweise "nicht um ein Kavaliersdelikt gehandelt haben kann". Eine Ermächtigung, von einem Strafverfahren abzusehen, gibt es nicht. Angesichts der monatelangen Säumigkeit der Albertina hinsichtlich des Ausfuhransuchens vermag die Volksanwaltschaft auch nicht zu erkennen, dass mit dem Vorgehen des BDA den Kriterien der Verhältnismäßigkeit Rechnung getragen würde.

Wolfgang Zinggl, Kultursprecher der Grünen, sieht ein Versagen auf allen Ebenen: Der Direktor der Albertina habe "verantwortungslos und ungesetzlich" gehandelt, das Denkmalamt unter dem Druck von Ministerin Elisabeth Gehrer den Bescheid wieder aufgehoben. Ihm "wurde offenbar der Zahn gezogen, weil es in der Folge auch keine Strafanzeige erstattet hat". Und Gehrer habe das Museumsgesetz verletzt, das sie zur Aufsicht über die Einhaltung der Gesetze verpflichtet. (Thomas Trenkler /DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2006)

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    Dürers berühmter "Feldhase" bei der letzten großen Dürer-Ausstellung im Frühjahr 2005 in der Albertina.

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    Ortet einen "Kollaps der Kontrolle": Grünen-Kultursprecher Wolfgang Zinggl.

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