Freiwillige Verschleierung?!

11. Juli 2006, 07:00
558 Postings

Das ist für Alice Schwarzer offenbar denkunmöglich - Kommentar über die Versatzstücke eines rassistischen Diskurses

Vergangene Woche ließ Alice Schwarzer mit Aussagen aufhorchen, in denen sie das islamische Kopftuch als "Flagge des Islamismus" bezeichnete und das Tragen ebendieses mit dem "Judenstern" verglich (dieStandard.at berichtete). Es sei das Zeichen, das Frauen zu "Menschen zweiter Klasse" mache, so die Argumentation Deutschlands bekanntester Feministin in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen".

In dem Interview analysierte Schwarzer weiter: "Der Schlüssel zur Emanzipation muslimischer Gesellschaften ist in der Tat die Stellung der Frauen." Soweit, so richtig. Jegliche "Emanzipation" ist unter Nicht-Berücksichtigung einer Hälfte der betreffenden Gruppe nicht zielführend. Nur stellt sich die Frage, ob das durchaus ehrenwerte Ziel der Emanzipation der muslimischen Frau auch unter Ausschluss der muslimischen Frau erreicht werden kann.

Was nicht sein darf

So absurd es klingt: Nichts anderes tut Schwarzer, wenn sie den Standpunkt zahlreicher Musliminnen, die das Kopftuch freiwillig tragen, negiert. Gemäß dem Motto, dass nicht sein darf, was nicht sein soll, können kopftuchtragende Frauen nach ihrer Argumentation nur das willfährige Opfer indoktrinierten Islamismus sein oder sie werden von ihren Familien dazu gezwungen.

Fakt ist, dass es auch vielerlei freiwillige Gründe für Musliminnen gibt, ein Kopftuch zu tragen. Religiöse Überzeugungen spielen eine Rolle. Die Wertschätzung von Traditionen, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einfach Pragmatismus sind aber ebenso relevant. Selbstredend können auch politische Motive nicht ausgeschlossen werden. Allerdings gilt es auch hier zu differenzieren, denn die "Rückkehr des Kopftuchs", wie sie in den letzten Jahrzehnten in allen Teilen der Welt zu beobachten war, trägt seine Wurzeln auch in den anti-kolonialen Bewegungen der islamischen Länder im 20. Jahrhundert.

Subjektstatus aberkannt

Diese notwendige Differenzierung bei der Kopftuch-Frage ist jedoch nicht möglich, wenn muslimischen Frauen der Subjektstatus aberkannt, wenn ihnen die Fähigkeit zur freien Willensbekundung nicht zugestanden wird. So bringt sich ein Schwarz'scher Feminismus um die relevanteste Gesprächspartnerin im (gemeinsamen?) Kampf um die Gleichberechtigung von muslimischen Frauen.

Die Konsequenz einer derart ausgerichteten Arroganz gegenüber jeglichem Deutungsmuster außerhalb des eigenen können nur Verbote sein: "Die betroffene Gruppe weiß ja nicht, was sie tut." Dass dies dem Gleichheitsgrundsatz, den Schwarzer ansonsten so vehement verteidigt, widerspricht, scheint sie nicht zu interessieren. Offenbar sind manche Frauen doch vernunftbegabter als andere ...

Schädliche Diffamierung

Es gehört mit Sicherheit zu den Aufgaben eines Staates, fundamentalistische Strömungen in Religionsgemeinschaften zu beobachten und nötigenfalls auch zu bekämpfen. Mit der Diffamierung des Kopftuches als "Flagge des Islamismus" wird die Problematik jedoch gefährlich verkürzt und kann sich des Rassismus-Vorwurfes nicht erwehren.

Die betroffenen Frauen profitieren von dieser extremisierten Debatte am wenigsten. Weder hilft es ihnen, sich vom Druck und den Erwartungen innerhalb der eigenen Familien zu befreien, noch erhöht es ihre Akzeptanz im öffentlichen Raum und ihre Chancen am Arbeitsmarkt. Gegen das Stigma von der "dummen, unterdrückten muslimischen Frau" könnten Feministinnen jedoch aus allen sogenannten "Kulturkreisen" zusammenarbeiten. Dies würde Vorurteile abbauen und unheilvolle Homogenisierungen von außen abschwächen. Selbst wenn es inzwischen kaum noch medienöffentlich denkbar ist: Auch die muslimische Gemeinde ist von Widersprüchen, Differenzen und Machtkämpfen durchdrungen, so wie jede andere Gruppe auch!

Feministisches Ziel könnte es sein, jenen Teilen dieser Gruppe, die sich für die Selbstbestimmung der muslimischen Frauen – ob mit oder ohne Kopftuch – einsetzen, den Rücken zu stärken. Dann wäre das "Prädikat: Emanzipiert" nicht mehr automatisch an die vollständige Aufgabe der eigenen kulturellen Identität gebunden und möglicherweise auch für breitere Teile der muslimischen Frauen lebbar. (Ina Freudenschuss)

11.7.2006

Link

Alice Schwarzer im FAZ-Gespräch mit Frank Schirrmacher (!): "Die Islamisten meinen es so ernst wie Hitler"

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.