Freund niedergestochen und angezündet: 17 Jahre Haft für 18-Jährige

14. Juli 2006, 10:04
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Zwei Wienerinnen mussten sich am Montag vor Gericht verantworten: Zehn Jahre für 16-Jährige

Wien - Nach außen hin ungerührt und mit zur Schau getragenem Selbstbewusstsein reagierte das 18-jährige Mädchen, das am 13. Dezember 2005 einem Freund in ihrer Wohnung in Wien-Favoriten zunächst mindestens 15 Messerstiche versetzt, ihn anschließend mit einem Desinfektionsmittel übergossen und angezündet hatte, als sie dafür am Montagabend im Straflandesgericht die Rechnung präsentiert bekam. Bei einem maximalen Strafrahmen von 20 Jahren wurde sie von einem Schwurgericht (Vorsitz: Stefan Erdei) einstimmig wegen versuchten Raubmordes zu 17 Jahren Haft verurteilt.

Die Jugendliche zuckte mit keiner Wimper und nestelte an ihrem Sommerschal herum, als ihr der Richter erklärte: "Nur Ihre bisherige Unbescholtenheit hat Sie von der Höchststrafe herunter gerissen. Und der Umstand, dass es Ihnen nicht gelungen ist, ihn umzubringen." Die Folgen der Tat - der junge Mann wird bis ans Ende seines Lebens entstellt bleiben, die seelischen Narben dürften jedenfalls auch nicht rasch verheilen - und die "brutale Tatbegehung" fielen besonders erschwerend ins Gewicht.

Beteuerungen nicht geglaubt

Mit 6:2 Stimmen wurde auch die 16 Jahre alte Mittäterin in Sinn der Anklage schuldig erkannt. Bei einem Strafrahmen von bis zu 15 Jahren verhängte das Gericht zehn Jahre Freiheitsstrafe. Die Geschworenen glaubten ihren Beteuerungen nicht, keines der zwei verwendeten Messer angegriffen zu haben, zumal sich auf beiden auch ihre DNA-Spuren fanden. Die 16-Jährige brach bei der Urteilsverkündung zusammen und verfiel in einen minutenlangen Weinkrampf. Da nahm sie ihre ältere Komplizin in den Arm und sprach ihr Mut zu, ergriff schließlich ihre linke Hand und drückte diese.

Zudem müssen die beiden Mädchen ihrem Opfer 20.000 bzw. 10.000 Euro an Schadensgutmachung leisten. Die Urteile sind nicht rechtskräftig, die Verteidiger Elmar Kresbach und Johannes Bügler meldeten Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung an bzw. baten um Bedenkzeit. Staatsanwalt Oliver Janda gab vorerst keine Erklärung ab.

Psychiaterin: 18-Jährige kaum kritikfähig

Laut der psychiatrischen Sachverständigen Angelika Göttling weist die 18-jährige Täterin ein "auffälliges Persönlichkeitsbild" auf. Sie sei leicht erregbar, kaum kritikfähig und neige zu aggressiven Spannungen, meinte die Gutachterin. Bezogen auf die angeklagte Tat stellte Göttling fest, die Hauptangeklagte wirke dazu "extrem distanziert" und versuche, das Geschehene zu verleugnen. Was ihre eigenen Gefühle betreffe, sei eine "übertriebene Selbstdarstellung" vorhanden.

Rettung durch Fenstersprung

Der 21-Jährige Mann, der in einer Supermarkt-Kette arbeitet, wäre wahrscheinlich nicht mehr am Leben, hätte er sich nicht in höchster Verzweiflung mit einem Sprung aus dem ersten Stock befreit. Er schlug in Panik ein Fenster ein, weil es aus der abgesperrten Wohnung kein Entrinnen gab, und stürzte sich in die Tiefe.

Er hatte die 18-Jährige im vergangenen Sommer in einer Discothek kennen gelernt. Die beiden freundeten sich an, er dürfte an dem Mädchen ein darüber hinaus gehendes Interesse entwickelt haben. Sie verstand seine Sympathien auszunützen, indem sie sich von ihm Geld ausborgte, um ihren regelmäßigen Kokainbedarf befriedigen zu können.

Raub geplant

Als er auf die Rückzahlung zu sprechen kam, bestellte ihn das Mädchen in ihre Wohnung. Laut Anklage hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits den Vorsatz, ihn auszurauben. Um ihren Plan verwirklichen zu können, beorderte die 18-Jährige auch die beste Freundin zu sich. Gemeinsam mit der 16-Jährigen versuchte sie dann, ihren Verehrer zu betäuben, indem sie ihm mit Desinfektionsmittel versetzten Hagebuttentee vorsetzte.

"Wir haben das aus dem Nix heraus beschlossen", gab die 18-Jährige auf der Anklagebank zu Protokoll. Der Bursch habe aber nur wenig getrunken: "Es ist nix passiert. Ihm ist nicht schlecht geworden. Da sind wir in die Küche gegangen, und sie hat gesagt 'Bringen wir ihn um'. Ich habe 'Okay' gesagt. Wir sind einige Möglichkeiten durchgegangen. Wir haben uns auf das Erstechen geeinigt."

"Sonst brennt die ganze Couch"

Zum Schein gab die 18-Jährige zunächst vor, den jungen Mann massieren zu wollen. Sie dimmte die Leuchte im Wohnzimmer, um eine angenehme Atmosphäre vorzutäuschen. Der Bursche wunderte sich zwar noch, dass die beiden Mädchen plötzlich Plastikhandschuhe trugen. "Aber mit dem rechnet ja keiner. Da ist's dann nämlich auf ein Mal passiert. Von hinten rein! Ein silbernes Fixiermesser. In die rechte Brustseite", erzählte der 21-Jährige den Geschworenen.

Weil ihr Opfer immer noch am Leben war, übergoss ihn die 18-Jährige schließlich mit einem Brandbeschleuniger und zündete ihn an. Ihren eigenen Angaben zufolge schrie der Bursch darauf hin "Warum tust du das? Ich hab' dich doch geliebt!" Sie antwortete: "Bitte, geh da weg! Sonst brennt die ganze Couch!"

Schließlich forderte sie ihre Mittäterin auf, einen Plastikkübel mit Wasser zu holen und den brennenden Freund zu löschen - allerdings weniger aus Mitleid. "Ich hab' Angst gehabt, dass die Wohnung explodiert", diktierte die 18-Jährige der Schriftführerin

Schäden

Rund ein Viertel der Haut des Opfers waren bereits verbrannt. Die Stichwunden in Brust, Nacken, Bauch und Oberschenkel bereiten ihm nach wie vor körperliche Schmerzen und Beschwerden, die zumindest bis zum Ende des Jahres anhalten werden, wie der Gerichtsmediziner Christian Reiter prophezeite.

Vor allem aber machen dem jungen Mann die psychischen Folgen zu schaffen. "Vertrauen zu Menschen habe ich keines mehr. Nur mehr Ängste", stellte er im Zeugenstand fest. Zu seiner Aussage war er nur in Anwesenheit seiner Psychotherapeutin bereit. Er legte außerdem darauf Wert, dass die Angeklagten zuvor abgeführt wurden, "weil er es nicht schafft, mit ihnen konfrontiert zu werden", wie sein Anwalt erläuterte. (APA)

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