Als "Terrorist" beschimpft?

11. Juli 2006, 10:03
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Der Guardian und der brasilianischen TV-Senders Globo lesen Lippen unterschiedlich - Vierter Mann Cantalejo sah Zidane-Kopfstoß

Berlin - Frankreich hat am Sonntag nicht nur das WM-Finale, sondern auch Zinedine Zidane verloren. Der stille Star der "Equipe tricolore" hat die Fußball-Bühne in seinem 108. Länderspiel nach exakt 110 Minuten verlassen. Unrühmlich. Mit einer Roten Karten von Schiedsrichter Horacio Elizondo in die Pension geschickt, nachdem Zidane den Italiener Marco Materazzi mit einem Kopfstoß niedergestreckt hatte.

Die Frage, welche Provokation Materazzis zum Blackout von Zidane geführt hatte, beschäftigte am Montag die Fußball-Welt. Die englische Tageszeitung "The Guardian" berichtete davon, dass Materazzi den französischen Superstar, dessen Eltern aus Algerien stammen, als "Terrorist" beschimpft hatte.

Materazzi hat am Montag im Gespräch mit der italienischen Nachrichtenagentur ANSA bestritten, Zidane im WM-Finale einen "dreckigen Terroristen" genannt zu haben. "Das stimmt alles nicht. Ich weiß nicht einmal was das heißen soll. Die ganze Welt hat live im TV gesehen, was passiert ist", sagte Materazzi nach der Rückkehr des Teams nach Rom.

Lippenleser des brasilianischen TV-Senders Globo wollen wiederum herausgefunden haben, dass der Verteidiger Zidanes Schwester Lila als "Prostituierte" beschimpfe. Die Spezialisten behaupteten am Sonntag-Abend in der TV-Sendung "Fantastico", dass Materazzi, nachdem er Zidane harmlos am Trikot festgehalten hatte, seine Schwester zwei Mal als Prostituierte bezeichnet und zudem auch Zidane beschimpft hat.

Kein Video-Beweis

Entgegen zahlreicher Spekulationen soll der Ausschluss nicht auf Grund eines Video-Beweises erfolgt sein. Das bestätigte der vierten Offizielle Luis Medina Cantalejo. Er hatte Schiedsrichter Elizondo aufmerksam gemacht, nachdem er, wie er sagt, den Kopfstoß mit eigenen Augen, und nicht am Bildschirm gesehen habe. Danach, so Cantalejo, habe er seine Beobachtung mit Hilfe des Kommunikationssystems an den Schiedsrichter weitergegeben.

Die internationalen Medien verbreiteten unterschiedliche Versionen. So wird der italienische Coach Marcello Lippi zitiert: "Es war der vierte Schiedsrichter, der das mit Hilfe der Zeitlupe am Monitor gesehen hat. So ist es gelaufen." Und Frankreichs Teamchef Raymond Domenech fügte ironisch an: "Man hat den Videobeweis eingeführt. Es ist eine neue Regel, die hier angewandt wurde. Es lebe der Video-Beweis."

Unklar ist, wie weit dem vierten und fünften Mann des Schiedsrichter-Gespanns (Ersatz-Schiedsrichter und Ersatz-Linienrichter) TV-Konsultationen überhaupt zugänglich waren. Laut FIFA-Reglement ist der Videobeweis nicht zulässig.

"Ich entschuldige es nicht, aber verstehe es"

Zidane verließ, getröstet von seinem ehemaligen "Juve"-Weggefährten Gianluigi Buffon, sichtbar geschockt das Feld. Er kam nicht mehr zurück. Nicht zum Elfmeterschießen und auch nicht zur Medaillenvergabe. "Ich habe ihn in der Kabine gesehen, er ist sehr traurig", erzählte Verbandschef Jean-Pierre Escalettes. "Wenn man wie er (Zidane) über 120 Minuten Schläge einsteckt, kann man es verstehen. Ich entschuldige es nicht, aber verstehe es", meinte Domenech. "Niemand macht ihm Vorwürfe. Die großen Spieler werden immer provoziert", sagte Florent Malouda. "Es war schrecklich, ihn so abtreten zu sehen", war Frankreichs Weltmeistermacher von 1998, Aime Jacquet, fassungslos.

Vor acht Jahren hatte Zidane das Endspiel gegen Brasilien mit zwei Kopfbällen quasi im Alleingang entschieden, beinahe wäre ihm dies auch am Sonntag gelungen. Doch im Gegensatz zu 1998 fand er diesmal mit seinem wuchtigen Kopfball (104.) in Keeper Buffon seinen Meister, nachdem er das 1:0 per Elfmeter erzielt hatte. Nur wenige Minuten später traf er dann per Kopf. Es war die Brust Materazzis.

Zwölfter Ausschluss

Die Rote im WM-Finale war der insgesamt zwölfte Ausschluss in seiner Laufbahn. Schon bei der Heim-WM 1998 hatte sich der Spielmacher gegen Saudi-Arabien zu einer Tätlichkeit hinreißen lassen und zwei Partien Sperre ausgefasst. Er kam zurück, stärker als zuvor, und führte "Les Bleus" zum Titel. Als bester Spieler des Turniers war damals aber nicht er, sondern Ronaldo ausgezeichnet worden. Diesmal bedachten die Journalisten "Zizou" mit dem Goldenen Ball - trotz der Roten Karte.

Das unrühmliche Ende wirft jedenfalls einen Schatten auf die große Karriere des Zinedine Zidane, den Welt- und Europameister, dreifachen Weltfußballer, Champions-League-Sieger sowie italienischen und spanischen Meister. Das letzte Bild des großen Spielmachers ist kein Jubelndes. Es ist sein Abgang in Richtung Kabine, vorbei am WM-Pokal, den Kopf gesenkt, die Hände vor Augen. Es war 22:19 Uhr.(APA/AFP/dpa/Reuters)

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