Sucht - der kurzfristige Kick überwiegt

21. März 2007, 16:57
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Hypothese eines US-Forschers: Bei Sucht als Zustand wird der Mensch blind für die langfristigen Folgen seiner Entscheidung

Wien - Abhängigkeit und Suchtverhalten sind ein Zustand, in dem die Balance zwischen zwei neuronalen Systemen aus dem Gleichgewicht geraten ist. Diese Störung führt dazu, dass Drogensüchtige angesichts der kurzfristigen Belohnung durch die Droge quasi blind werden für die langfristigen Konsequenzen des Missbrauchs. Diese Hypothese präsentierten Wissenschafter am Montag beim Europäischen Hirnforscher-Kongress in Wien mit rund 5.000 Teilnehmern.

Hirnforscher untersuchen seit einiger Zeit, was sich im Gehirn abspielt, wenn Menschen Entscheidungen treffen. Bedeutsam sind solche Untersuchungen auch für ein besseres Verständnis der Drogenabhängigkeit. Denn bei vielen Abhängigen sind diese Prozesse gestört. Wenn sie sich für eine Handlung entscheiden können, die mit einer sofortigen Belohnung verbunden ist, blenden sie offenbar in der Zukunft liegende negative Folgen dieser Handlung aus. Der kurzfristige Kick wiegt mehr als der Verlust des Arbeitsplatzes oder Probleme in der Familie sowie andere negative Folgen des Drogenmissbrauchs.

Hypothese

"Die Fähigkeit, zukünftige Folgen einer Handlung angemessen bei einer Entscheidung zu berücksichtigen, ist bei Drogenabhängigen zu schwach ausgebildet," erklärte der US-Forscher Univ.-Prof. Dr. Antoine Bechara, der an der Universität von Südkalifornien in Los Angeles und an der Universität von Iowa in Iowa City forscht. Die Hypothese, die Bechara auf dem Kongress der Hirnforscher in Wien präsentierte, lautet: Sucht ist ein Zustand, in dem ein Mensch wenn es um den Gebrauch einer Droge geht, blind wird für die langfristigen Folgen seiner Entscheidung. Eine gestörte Balance zwischen zwei neuronalen Systemen sei dafür die Ursache.

Bei diesen zwei Systemen handelt es sich zum einen um das "impulsive System", das vom Mandelkern (Amygdala) im Gehirn gesteuert wird, der bei der Verarbeitung von Emotionen eine Rolle spielt. Dieses System vermittelt die unmittelbare Erfahrung von Schmerz oder Belohnung bei einer Handlung. Bei dem anderen System handelt es sich um ein reflektives System, gesteuert vom Vorderhirn, das die positiven oder negativen Folgen einer Handlung in der Zukunft antizipiert.

Gestörte Balance

Normalerweise behält dieses reflektive System die Oberhand. Gleichwohl ist diese Kontrolle nicht absolut: Eine Überaktivität im impulsiven System kann das reflektive System überlaufen. Drogen könnten dabei eine Rolle spielen, indem sie die Selbstregulationsfähigkeit dieser Balance stören.

Ähnliche Entscheidungsdefizite wie Drogenabhängige haben auch Patienten, bei denen ein bestimmter Teil des Vorderhirns, der so genannte ventromediale prefrontale Cortex (VMPC), geschädigt wurde. Die Patienten erholen sich zwar wieder, Intelligenz, Gedächtnis, Sprache und Bewegungsfähigkeit sind unbeeinträchtigt, aber ihr Verhalten ändert sich.

Mangelnde Planung und Probleme

Solche Patienten können ihren Tag nicht mehr effektiv planen und haben Probleme, sich richtig zu entscheiden. Ihre Entscheidungen haben für sie langfristig daher oft nachteilige Folgen. Außerdem verlieren die Betroffenen die Fähigkeit aus Fehlern zu lernen. Untersuchen können Experten diese Beeinträchtigungen bei Entscheidungsprozessen seit einiger Zeit mit einem speziellen Test, dem "Iowa-Gambling-Task". Die Testpersonen müssen sich dabei entscheiden, Karten aus vier Kartenstapeln zu nehmen, die jeweils mit einem unterschiedlich hohen Gewinn verknüpft sind.

Nach jeder Entscheidung erfahren die Spieler, wie viel sie gewonnen oder verloren haben. Gesunde Menschen lernen dabei sehr schnell jene Kartenstapel zu meiden, die mit kurzfristigen Gewinnen, aber größeren Verlusten in der Zukunft verbunden sind. Anders die Patienten mit einer Störung ihrer Entscheidungsfähigkeit: Ihnen gelingt es zumeist nicht.

Wenn Drogenabhängigen diesen Test machen, sind die Ergebnisse zumeist ähnlich. Es gibt auch gesunde Menschen, die im Test Verhaltensprofile zeigen, die denen von VMPC-Patienten ähneln. Diese könnten, vermuten Bechara und seine Kollegen, besonders anfällig für Drogenmissbrauch sein. Schwächen der Entscheidungsfindung bei Drogenabhängigen dürften somit nicht das Produkt des Drogenkonsums sein, sondern eher den Weg zur Abhängigkeit bahnen. (APA)

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    Hypothese: Sucht ist ein Zustand, in dem ein Mensch wenn es um den Gebrauch einer Droge (im Bild eine aufgezogene Spritze mit versetztem Heroin) geht, blind wird für die langfristigen Folgen seiner Entscheidung. Eine gestörte Balance zwischen zwei neuronalen Systemen ist dafür die Ursache.

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