Helmut Frisch gestorben

27. Juli 2006, 14:23
14 Postings

Der Präsident des Staatsschulden- Ausschusses erlag im 70. Lebensjahr während einer Dienstreise in Italien einem Infarkt

Wien - Der Vorsitzende des Staatsschuldenausschusses, Professor Helmut Frisch, ist am Samstag gestorben. Der renommierte Staatsschulden-Experte erlag drei Monate vor seinem 70. Geburtstag einem Herzinfarkt, der ihn während einer Auslandsdienstreise in Italien ereilt hatte.

Der 69-Jährige war kurz nach Beginn der Konferenz in Monteriggioni bei Siena zusammengebrochen. Versuche, ihm mit einer Herzmassage das Leben zu retten, waren vergebens, berichteten italienische Medien. Frisch war vom Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Mundell eingeladen worden, an der Konferenz teilzunehmen. Mundell lebt bereits seit Jahren in der toskanischen Stadt.

Unermüdlicher Defizit-Kritiker

Helmut Frisch wurde am 1. Oktober 1936 in Wien geboren. 1954 bis 1960 studierte er Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Graz. Seine Studien schloss er mit Doppeldoktorat (1958 und 1960) ab. 1963 bis 1968 war er Assistent am Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien. Zwei Jahre nach seiner Habilitation an der Universität Wien (Wirtschaftstheorie und Ökonometrie, 1968) wurde er 1970 zum ordentlichen Hochschulprofessor an die Universität Linz berufen, 1971 zum ordentlichen Universitätsprofessor an der Technischen Universität Wien.

Seine Lehr- und Forschungstätigkeit führte den Haushalts-Experten wiederholt ins Ausland: zu einem Forschungsaufenthalt nach Princeton, Berkeley, zu Gastvorlesungen, Gastprofessuren und Forschungssemestern nach New York, Los Angeles (USA), nach Florenz (Italien) und an verschiedene Universitäten in Deutschland. National wie international einen Namen gemacht hat sich der eloquente Wissenschafter in zahlreichen Publikationen und als Autor von Fachzeitschriften.

Unermüdlich hatte der Wirtschafts- und Staatswissenschafter, Jurist, Finanzmathematiker und Haushaltsexperte vor Budgetnöten gewarnt, die Schuldenmacherei von amtierenden Finanzministern als "unsozial" gegeißelt. Wenn er alljährlich den "Staatsschuldenbericht" präsentierte, dann zog er ernüchternde Bilanz und ließ regelmäßig durch radikale, oft unpopuläre Spar-Ansätze aufhorchen, mit denen er zugleich auch "Sozialutopisten" abkanzelte.

Interimschef der P.S.K.

Zwischen 1994 und 1997 war Frisch Präsident der Nationalökonomischen Gesellschaft. Von 1978 bis 1997 war er Präsident des Verwaltungsrates der Österreichischen Postsparkasse, nach deren Umwandlung in eine Aktiengesellschaft somit Vorsitzender des Aufsichtsrates der P.S.K., bis Ende November 2000. Seit 1986 war Frisch Vizepräsident des Aufsichtsrats der Lotterien, seit 1992 saß er im Aufsichtsrat der Österreichischen Bundesfinanzierungsagentur.

In der Bankenbranche hatte sich der Wirtschaftstheoretiker Frisch auch operativ betätigt: Bei der Umwandlung der alten Postsparkasse in die "P.S.K.-AG" (vor dem Verkauf an die Bawag) war der langjährige Postsparkassen-Verwaltungsrat Frisch im Jahr 1997 für die Dauer der Ausschreibung des neuen Vorstands auch Interimsleiter der P.S.K. gewesen. Nach dem Verkauf an die Bawag wurde Frisch im Dezember 2000 an der Spitze des P.S.K.-Aufsichtsrats durch den damaligen Bawag-Chef Helmut Elsner abgelöst.

Als Minister im Gespräch

Helmut Frisch galt mehrfach auch als ministrabel, zuletzt war er 1995 als einer der möglichen Nachfolger für den damals zurück getretenen SP-Finanzminister Ferdinand Lacina im Gespräch gewesen, hatte aber von sich aus abgewinkt.

Seit 1978 war Helmut Frisch Vorsitzender des Staatsschuldenausschusses. Seit 1970 ein Gremium der Österreichischen Postsparkasse, wurde dieser 1997 rechtlich verselbständigt und bei der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) angesiedelt. Der von den Sozialpartnern besetzte Staatsschuldenausschuss ist ein von der OeNB unabhängiges Forum zur Beratung des Bundes. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Helmut Frisch, 1936-2006

Share if you care.