Als Österreich noch eine Öl-Macht war

15. Juli 2006, 19:30
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Buch: Harvard-Historikerin beleuchtet Habsburger-Monarchie am Beginn des 20. Jahrhunderts

Wien - In der späten k.u.k.-Monarchie war Österreich nicht nur See-Macht, sondern auch eine Öl-Macht. Mit fünf Prozent der weltweiten Produktion war die Habsburger-Monarchie am Beginn des 20. Jahrhunderts das drittgrößte erdölproduzierende Land der Welt, schreibt die Historikerin Alison Frank von der Harvard University in einem Artikel in der neuen Ausgabe des Online-Magazins "bridges" der Office of Science & Technology (OST) an der österreichischen Botschaft in Washington D.C.. Alison hat dieses wenig bekannte Kapitel der österreichischen Geschichte in dem Buch "Oil Empire - Visions of Prosperity in Austrian Galicia" beleuchtet.

Ölfunde

Die Ölfunde beschränkten sich fast ausschließlich auf das Königreich von Galizien und Lodomeria, das 1772 an die Habsburger gefallen war und heute zwischen Polen und der Ukraine aufgeteilt ist. Üblicherweise assoziiert man dieses Kronland mit Überbevölkerung, Hungersnöten, Analphabetismus, Auswanderung, sozialen Spannungen und Antisemitismus, was Zeitgenossen zu Vergleichen wie "Galizische Hölle" oder "Galizisches Sodom" veranlasste, schreibt Alison.

Dagegen wären Spitznamen wie "Polnisches Baku", "Österreichisches El Dorado" oder "Galizisches Kalifornien" treffender, meint die Historikerin. Denn Galizien produzierte 1909 über zwei Millionen Tonnen Rohöl und war damit der drittgrößte Produzent nach den USA und Russland. "Doch die Öl-Industrie brachte keinen dauerhaften Wohlstand und keine signifikante Verbesserung der Lebenssituation für den Großteil der Bevölkerung", so Alison.

Gesetzliche Regelung

Als einen Grund dafür ortet die Historikerin die gesetzliche Regelung der Ölförderung: Im Gegensatz zu anderen Bodenschätzen stand das Öl im privaten Eigentum der Landbesitzer und nicht unter staatlicher Kontrolle. Diese Fragmentierung habe über Jahrzehnte die Vorteile einer koordinierten Ölproduktion verhindert.

Der Höhepunkt der Galizischen Ölindustrie wurde in den Jahren 1895 bis 1909 erreicht. Das Städtchen Boryslaw etwa, das in den 1860er Jahren 500 Einwohner hatte, wuchs bis 1898 auf 12.000 Einwohner. Doch trotz zunehmender Erfolge im Aufspüren und Ausbeuten neuer Ölquellen kam Anfang des 20. Jahrhunderts der Zusammenbruch durch die fehlende Organisation: Überproduktion und heftige Konkurrenzkämpfe führten zu einem Preisverfall und darauf folgender Krise.

Erschöpfte Lagerstätten

Ab 1910 begannen zudem die Öl-Fördermengen auf Grund der erschöpften Lagerstätten zu sinken - und das bei einer steigenden Nachfrage auf Grund der Mechanisierung in der Kriegsführung. Das war vor allem für die Monarchie ein Problem, waren doch die Galizischen Ölfelder die einzige heimische Ölquelle, die dann in den ersten Kriegsjahren noch dazu von den Russen erobert wurde. Als 1918 Galizien an den neuen polnischen Staat fiel, waren die goldenen Jahre längst vorbei.

Heute erinnern noch Ortsnamen wie Ropica, Ropa oder Ropienka nach dem polnischen und ukrainischen Wort "ropa" für "Öl" an den früheren Rohstoffreichtum. Und vereinzelte moderne Ölpumpen, mit denen noch verbliebene Ölvorräte ausgebeutet werden. (APA)

"Oil Empire: Visions of Prosperity in Austrian Galicia" von Alison Frank, Harvard University Press

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bridges: Galician California, Galician Hell: The Peril and Promise of Oil-Production in Austria-Hungary
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