Die Gazelle überholt Partei-Elefanten

10. Juli 2006, 11:12
posten

Die Sozialistin Ségolène Royal ist am Parteiapparat vorbei zur aussichtsreichen sozialistischen Kandidatin für das Amt des Staatschefs geworden

Fußballweltmeisterschaft '98, Stade de France: Eine jung aussehende Frau mit dem Trikot der "Bleus" über den Schultern beklatscht frenetisch den WM-Titel der Zidane-Elf. Die Medien übersehen sie weit gehend, aber das französische Publikum erinnert sich noch heute: Schon bei jenem historischen Moment war Ségolène Royal auf den Stadiontribünen - nicht erst, seit alle selbst ernannten PräsidentschaftskandidatInnen zur WM nach Deutschland pilgerten, um sich von den mitgereisten FotografInnen abknipsen zu lassen.

Ségolène Royal bleibt ihnen eine Länge voraus. "Gazellen rennen schneller als Elefanten", heißt es über die Parteibarone der französischen Sozialisten wie Laurent Fabius, Jack Lang, Dominique Strauss-Kahn oder Lionel Jospin, welche die Parteiinvestitur für die Wahlen 2007 unter sich ausmachen wollen. Anfang des Jahres scherzten die "éléphants" noch über die Lebenspartnerin von Sozialistenchef François Hollande: Wer denn die Kinder hüte, meinte einer, als Royal ihre präsidialen Ambitionen anmeldete.

Auch die Medien nahmen sie kaum ernst. Der bekannteste Pariser Editorialist, Alain Duhamel, skizzierte unlängst die Porträts der 15 wichtigsten präsidialen Prätendenten, von denen nur wenige wirkliche Chancen haben - Royal kommt in dem Buch nicht einmal vor. Dabei erhält sie in parteiinternen Meinungsumfragen regelmäßig über 50 Prozent Stimmen, während ihre Rivalen wie Fabius oder Lang weit abgeschlagen bei knapp zehn Prozent dümpeln.

Das seien nur Umfragen, meinen die Rivalen im Chor und erinnerten an Ex-Premierminister Edouard Balladur, der 1995 als Kronfavorit der Rechten galt, von Jacques Chirac aber noch vor der Zielgeraden abgefangen wurde. Doch sogar die bisher unangefochtene Rechtspartei UMP wird nun unruhig: In den Umfragen für die Stichwahl liegt Royal mit dem UMP-Star Nicolas Sarkozy nun gleichauf.

Die Wahlen finden erst in zehn Monaten statt, doch der Parti Socialiste (PS) bestimmt seine/n SpitzenkandidatIn schon im Herbst. Und die Basis will eine Kandidatin: "Ségolène" macht den seit Jahren gebeutelten Sozialisten endlich wieder Hoffnung.

Beitrittswelle

70.000 SympathisantInnen sind der Partei seit Frühjahr beigetreten. Ein wahrer Boom, gemessen an der bisherigen Mitgliederzahl von 135.000. Die Erklärung liegt auf der Hand: Wer sich bis zum 1. Juni einschrieb, kann bei der Parteikür im November abstimmen. Viele Neumitglieder wollen verhindern, dass der Parteiapparat Royal ausbootet, nachdem er ihr schon heute kaum gewogen ist; führende Sozialisten werfen ihr öffentlich weiterhin vor, sie verstehe nichts von Außen- oder Wirtschaftspolitik und kupfere bei Tony Blair ab. Kürzlich deichselten sie gar einen Appell von 143 Parteifrauen gegen Royal.

"Monatelang haben sie alles versucht, um sie zu destabilisieren", schreibt das Wochenmagazin Le Point. Aber vergeblich, "Ségolène"ist bereits zu populär, um noch gebremst werden zu können. Ihre Hauptschwäche - der mangelnde Rückhalt des Parteiapparates - ist gleichzeitig ihr Trumpf: Ségolène Royal ist eine Einzelkämpferin, die sich direkt an die Bürgerinnen und Bürger wendet. Auf Medienberater verzichtend, vertraut sie auf ihren natürlichen Charme, die jugendliche Ausstrahlung und eine bewusste Imagepflege: Royal trägt systematisch helle Tailleurs und ließ sich sogar die spitzen Eckzähne abfeilen.

Ihre Gegner in der Partei halten sie für aufgesetzt und kalkuliert. Doch bei der Basis kommt "Ségolène"an, weil die Leute spüren, dass sie nicht einfach hohle Phrasen drischt, wenn sie für die gesellschaftlich Benachteiligten einsteht.

Die Banlieue-Einwohner, die als Erste unter der Unsicherheit in ihren Siedlungen leiden, fertigt sie nicht mit einem beschönigenden Multikulti-Diskurs ab; sie verlangt vielmehr, dass minderjährige Bandenchefs und Aufwiegler unter militärische Obhut gestellt werden.

Applaus der Vorstädte

Dafür erntet sie in allen Vorstädten Applaus. Die PS-StrategInnen monieren jedoch, Royal drifte auf ihrem Solotrip nach rechts ab. Dies umso mehr, als sie die von der Linken 1999 eingeführte 35-Stunden-Woche kritisiert. Aber nicht etwa aus liberaler Sicht: Vielmehr bemängelt Royal, dass die "35 heures" vielen Armen nur schadeten, sei es, weil die ArbeiterInnen seither ständig an Kaufkraft verlören, sei es, weil viele KleingewerblerInnen wie BäckerInnen oder WirtInnen immer noch mehr als 40 Stunden arbeiteten.

Profitiert haben von der 35-Stunden-Woche die BeamtInnen sowie die Angestellten von Großbetrieben - also jene Mittelklasse, die gerne sozialistisch wählt. Ségolène Royal wendet sich aber immer an die Schwächsten. Und zwar nicht nur an ImmigrantInnen oder ArbeiterInnen: Sie kämpft für Lohngleichheit von Mann und Frau, für gemobbte SchülerInnen, gegen Pädophile und sexistische Werbung.

Ähnlich denkt Royal in der Außenpolitik, die noch weniger umrissen ist als ihr wirtschaftspolitisches Programm: Nachdem Sarkozy eine EU-Kerngruppe der sechs größten Länder (Deutschland, Frankreich, England, Spanien, Italien und Polen) vorgeschlagen hat, lehnte Royal mit einem ihr eigenen Argument ab: "Ich misstraue der Dominanz einiger über andere." (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Print, 10.7.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar
    Vertraut auf ihren Charme, nicht auf Medienberater: Ségolène Royal (52) setzt sich immer mehr als Kandidatin der Linken bei Frankreichs Präsidentschaftswahlen durch.
Share if you care.