Duve: "Traditionelle Kriegsformen gibt es nicht mehr"

10. Juli 2006, 15:21
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Der ehemalige OSZE- Beauftragte für die Freiheit der Medien über Tendenzen und Gefahren des Journalismus des 21. Jahrhunderts

Welche Kontinuitäten und Zäsuren gibt es im Zusammenhang mit Macht, Medien und Krieg? Mit Beispielen aus der Vergangenheit und Gegenwart zeigte der ehemaliger Beauftragter der OSZE für die Freiheit der Medien, Freimut Duve, Tendenzen und Gefahren auf. Für ihn ist das das gesamt 20. Jahrhundert von medialen Inszenierungen geprägt. Besonders das Radio spielte lange Zeit eine besonders abscheuliche Rolle: 1933 ermöglichte die Kontrolle der Radiosender den Nazis die organisierte Verbreitung des Massenhasses.

Medienkontrolle unterstütze damals wie heute Krieg, Mord und ethnischen Rassismus. Auch was radikale islamische Sender betreffe, betonte Duve, ist in Verbindung mit den Methoden der Nazi-Progadanda zu sehen: sie wurden mit Hilfe von Deutschen begründet: "Jeder sollte wissen, dass Präsident Nasser als ersten Hauptberater für seinen antiisraelischen Radiosender einen deutschen Nazi aus Argentinien, wohin jener geflohen war, rekrutiert hat. Johannes von Leers, hat dort diesen Radiosender aufgebaut, um gegen Israel zu mobilisieren," unterstrich der ehemalige OSZE- Beauftragte.

Historische Verantwortung

Doch die Instrumentalisierung von Technologien für behauptete Religiosität gelte nicht nur für den Islam, befand Duve. Macht und Herrschaft sei immer religiös verbrämt. Ein Merkmal der medialen Insenzierung sei, dass die Glaubensdimension in die Machtsprache hinein gehoben würde.

Auch gebe es kein mediales Phänomen des 20. Jahrhunderts, das nicht die Frage nach dem Krieg und der Verantwortung der Öffentlichkeit, nach der Schrift, der Sprache und des Bildes aufwerfe. "Kriegsgeschichte ist immer davon begleitet worden, abgesehen vom technologischen Behelfen. Auch Gegner gab es schon immer“, genauso wie Krieg oder Mission, unterstrich er und fügte als Beispie hinzu, dass der 30-jährige Krieg nicht ohne mediale Propaganda denkbar gewesen wäre: man wollte damals den Gegner "heim ins Reich" holen.

Befasst man sich mit den Themen der medialen Inszenierung, müsse gerade in Deutschland und Österreich immer mitgedacht werden, was die Nazis medial zur Vorbereitung der Judenvernichtung gemacht haben, betonte Duve. "Es gibt die historische Verantwortung, besonders Wachsam gegenüber rassistischen und antisemitischen Medien zu sein."

Probleme des 21. Jahrhunderts

Was sind die medialen Probleme des 21. Jahrhunderts? Im Fernsehen sei die notwendige Balance zwischen Qualität und Konsum immer unausgewogener, es herrsche eine Vermischung von Werbung und Aussage, konstatierte Duve. Er betonte, dass auch die Investitionen großer europäischer Medienfirmen im Osten Probleme herbeiführten: "Monopolstellung kommt vor journalistischer Qualität", beklagte der ehemalige Medien- Beauftragte.

Scharf kritisierte Freimut Duve auch Russland, wo eine unverhohlene Strategie der "Zensur durch Mord" herrsche: "Russland steht bei der Zahl ermordeter Journalisten nach Kolumbien an zweiter Stelle." Zudem sei es Putin gelungen, 90 Prozent aller Medien einer Firma zuzuschanzen, die gleichzeitig eine große Ölfirma ist. Dies lasse natürlich keinerlei Kritik am Unternehmen zu, wie beispielsweise an den "technologischen Schweinereien" im Aralsee. Kriegspropaganda in Bezug auf den Krieg in Tschetschnien sei an der Tagesordnung, Kritik sei unerwünscht und werde bekämpft, Putin würde indirekt 90 Prozent der Medien beherrschen.

Überdies gebe es Veränderung gegenüber dem, was man früher Krieg nannte, so Duve. "Traditionelle Kriegsformen gibt es nicht mehr. Es gab eine Kriegserklärung und bei Ende des Krieges einen Vertrag." Diese Kriegsform, so Duve, sei vorbei. "Wir haben keinen Krieg mehr, sondern nur mehr sich kriegnennende Terrorformen". Daher sei auch kein Ende der gewaltvollen Auseinandersetzungen in Sicht. (hag)

  • Freimut Duve bei seiner Festrede am Eröffnungstag der Sommerakademie in Schlaining.
    foto: derstandard.at/hager

    Freimut Duve bei seiner Festrede am Eröffnungstag der Sommerakademie in Schlaining.

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