Mörderin mit Zahnlücke als Kindheits-Playmate

13. Juni 2000, 21:54

Der Gottvater des schlechten Geschmacks, Regisseur John Waters, als Fotograf - im Interview.

Eigene wie fremde Filme liefern für Trash-Regisseur John Waters das Rohmaterial für seine vom TV- Schirm abgeknipsten Fotos. In der Wiener Galerie Georg Kargl stellt Waters bis Ende Juli seine seriellen Strips aus, im Schikaneder-Kino laufen (bis 20. 6.) seine Filme. Doris Krumpl sprach mit "Serial John" übers Kunstsammeln, schiefe Optik und Sex in New York.

Wien - Säulenheiliger des Trashs, Hohepriester des schlechten Geschmacks lauten seine Titel. Dabei hat John Waters (54) nichts mit Religion am Hut, außer "extremen katholischen Auswüchsen vor 1600", einem seiner "Hobbys". Sein Gott hieß unter anderem Divine, ein fettleibiger Transvestit, der in Filmen wie Pink Flamingos (1972) die Weltordnung ganz schön hässlich durcheinander brachte. Wie in den Film ist er auch in die Fotografie hineingeschlittert - ein Thema, das er in seinem jüngsten Film Pecker witzig umgesetzt hat, wobei er die (New Yorker) Kunstszene meisterhaft persiflierte. Seit 1996 fotografiert der in Baltimore ansässige und meist dort filmende Regisseur vom TV- Bildschirm Stills ab, nach Sequenzen oder Themen, und montiert sie zu Bildserien

Standard: Soll ich Sie "Serial John" nennen?

Waters: Das wäre ein guter Titel! Meine Fotos sind kleine Filme, wie Storyboards, narrativ. Es ist so etwas wie im Schneideraum: Du nimmst gefundenes Material und machst daraus etwas anderes. So kann man Filme anschauen, und in den Lücken kann man sich seine eigenen Filme machen.

Standard: Welche Vorteile birgt die so genannte bildende Kunst noch für Sie?

Waters: Sie muss nicht jeder Person auf dieser Welt gefallen - beim Filmemachen wäre das ein wichtiges Kriterium. Ich würde aber nie etwas machen, das jeder mag, ich liebe Extreme. Ich fürchte mich vor Shopping-Malls in den USA wie eine alte Lady in Harlem, nur weil ich es nicht schaffe, wie jeder x-Beliebige sein zu wollen. Ein weiterer Grund sind die Fehler, die manchmal die besten Bilder herausbringen, während Fehler beim Film nicht gut sind.

Standard: Was war der Anlass zum Fotografieren?

Waters: Ich wollte spezielle Film-Stills: Ich fragte mich, ob ich das schaffe, genau den Moment zwischen der Vergewaltigung Divines und der Heiligenerscheinung einzufangen. Und das mit einer billigen, alten Kamera. Es funktionierte! Man kann die Fotos nicht schlechter aussehen lassen - was höchstens die zeitgenössischen Kunst könnte.

Standard: Es muss ja witzig für Sie sein, dass die Technik Ihrer frühen Filme - schlechte Zooms, verwackelte Bilder - in der Kunst nun geradezu modisch geworden ist.

Waters: Dazu kommt noch die Ästhetik vom 50ties-Hollywood. Abfotografiert, mit neuer Regie und an einer Galeriewand hängend, wird alles neu. Bei The Bad Seed isolierte ich die eine Sekunde, wo das Mädchen, der kleine Killer, am bösesten ist - und ich bemerkte, dass ihr ein Zahn fehlte. Die Hauptdarstellerin war mein Kindheits-Playmate.

Standard: Ist es nicht frustierend, wie die Provokation später akzeptiert wird? Serienmörder sind ja beinahe sowas wie die Popstars von heute.

Waters: Ihr in Österreich habt aber leider keine berühmten! Der Una-Bomber war das Beste bei uns in letzter Zeit. Frustierend finde ich Akzeptanz nicht, außerdem trenne ich Film und Fotografie strikt. In Amerika kennen sich die Leute nicht aus, wenn man zwei Dinge macht.

Standard: Sie sammeln auch Kunst. Welche Kriterien gelten?

Waters: Ich muss die Objekte beinahe hassen, mir denken, na, das geht aber wirklich zu weit. Etwas, das die Putzfrau, meine beste und gnadenloseste Kunstkritikerin, jedesmal wegschmeißen will, Arbeiten etwa meiner Lieblingskünstler, Fischli & Weiss.

Standard: Die "beste antiamerikanische Kunst" sahen Sie ja in Form eines zwei Meter großen Aschenbechers von Damien Hirst.

Waters: Wunderbar. In den USA darf man nicht einmal mehr im Gefängnis rauchen! Ich war kürzlich in einer Bar in San Fransisco, wo Leute im Hinterzimmer Sex miteinander hatten. Und vorne gab die Polizei Rauchern Strafmandate. In gewisser Weise ist das wohl korrekt so.

Standard: Hat das Zelebrieren des schlechten Geschmacks in der Kunst auch etwas mit Protest gegen den Political-Correctness-Terror zu tun?

Waters: Sicher, doch diese Korrektheit ist nur auf Colleges reicher Kinder hip, nicht in Durchschnittsfamilien.

Standard: Auch die strengen Regeln beim "Dating"?

Waters: Das ist vor allem ein New Yorker Phänomen. Dort haben die Leute überhaupt wenig Sex, denn man riskiert dabei, Power zu verlieren. In meiner Heimatstadt Baltimore ist das anders, wir sind Nummer eins in der Syphilis-Statistik.

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