Spielbericht: Italien ist Weltmeister

10. Juli 2006, 19:14
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Vierter WM-Titel für die Squadra Azzurra - 5:3 im Elferschießen - Zidane nach Tätlichkeit in seinem letzten Spiel ausgeschlossen

Berlin - Italien hat nach 24 Jahren Pause wieder den Fußball-Thron bestiegen. Die Italiener feierten am Sonntagabend im WM-Finale in Berlin einen 5:3-Sieg im Elferschießen über Frankreich und holten damit nach 1934, 1938 und 1982 ihren vierten WM-Titel. Der französische Superstar Zinedine Zidane, der mit seinem Ausschluss nach einer Tätlichkeit in der Verlängerung für den unrühmlichen Höhepunkt des Endspiels gesorgt hatte, muss damit nur als "Vizeweltmeister" abtreten.

Tragische Figur I: Trezeguet

Der Elferkrimi wurde notwendig, nachdem es nach 120 Minuten 1:1 gestanden war. Zidane, der mit seinem 108. Länderspiel das allerletzte Match seiner Karriere bestritt, hatte mit einem Foulelfer nach sechs Minuten für die frühe Führung gesorgt, doch Marco Materazzi gelang vor 69.000 Zuschauern im ausverkauften Olympiastadion bereits zwölf Minuten später der Ausgleich (19.). Im Elferschießen wurde dann ausgerechnet David Trezeguet zur tragischen Figur. Jener Stürmer, der im Jahr 2000 Frankreich mit seinem Golden Goal zum 2:1 im Endspiel gegen Italien zum EM-Titel geschossen hatte, scheiterte an der Latte, während sämtliche Schützen der "Squadra Azzurra" trafen.

Flügel

Angeführt von Kapitän Fabio Cannavaro, dem derzeit wohl besten Innenverteidiger der Welt, gelang dem Team von Marcello Lippi mit dem Titelgewinn in Deutschland ein historischer Kraftakt, hing doch der Manipulationsskandal in der Serie A ständig wie ein dunkler Schatten über der Mannschaft. Die "Azurblauen" ließen sich dadurch aber nicht beirren, ganz im Gegenteil, die tagtäglichen Negativschlagzeilen aus der Heimat beflügelten sie regelrecht auf ihrem langen Weg zum WM-Triumph.

Massiver Lohn

Der verdiente Lohn für dieses Meisterstück war die 36,8 Zentimeter und 6,175 kg schwere WM-Trophäe aus 18 Karat Massivgold, die Cannavaro als erster "Azzurri" in den Berliner Nachthimmel stemmen durfte. Dieser so lange herbeigesehnte Moment ließ Italien nun den Skandal zumindest für einige Stunden vergessen, denn bereits am Montag sollten die ersten Urteile in der "Causa Calcio" gefällt werden.

25 Spiele ungeschlagen

Während die nun seit 25 Spielen ungeschlagenen Italiener die Stunde ihres Triumphs voll auskosteten, waren die Franzosen bitter enttäuscht, wollten sie doch ihrem Kapitän Zidane unbedingt als zweifachen Weltmeister verabschieden. Doch der 34-jährige Spielmacher hatte am Scheitern Mitschuld, fehlte er doch nach seinem unfassbaren Aussetzer - wuchtiger Kopfstoß gegen die Brust von Marco Materazzi in der 108. Minute - als sicherer Schütze in der Entscheidung vom Elferpunkt.

Kontinuität

Sowohl Lippi als auch Frankreichs Trainer Raymond Domenech vertrauten jeweils ihrer erfolgreichen Halbfinal-Startelf. Doch während die Franzosen schon seit dem Achtelfinale in dieser Formation antraten, gab es auf Seiten der Italiener eine Premiere: Denn in den vorangegangen 29 Spielen der Ära Lippi war noch nie in unmittelbar aufeinander folgenden Matches dieselbe Startformation vom 58-jährigen Trainerfuchs aus Viareggio aufs Feld geschickt worden.

Härte

Das Match begann mit einigen Härteeinlagen der Italiener, die für diese Gangart aber sofort bestraft wurden. Nachdem Frankreichs Stürmer Thierry Henry nach einem Zusammenstoß mit Italiens Kapitän Fabio Cannavaro einige Minuten benommen war (1.), sah zunächst Außenverteidiger Gianluca Zambrotta nach einer bösen Attacke gegen Patrick Vieira Gelb (5.). Und in Minute sechs entschied der argentinische Schiedsrichter Horacio Elizondo nach einem leichten Foul von Marco Materazzi an Florent Malouda sofort auf Elfer.

Kunststoß

Diese einmalige Chance ließ sich Zidane, der mit seinen zwei Treffern im Endspiel 1998 beim 3:0-Sieg über Brasilien der Matchwinner gewesen war, nicht entgehen, wobei er den Penalty mit einem wahren "Kunstschuss" verwertete: Per Schlenzer ging der Ball an die Unterkante der Latte, sprang von dieser klar hinter die Linie und anschließend zurück an die Latte und von dieser wieder zurück ins Feld (7.).

Torsperre gebrochen

Damit wurde "Squadra"-Schlussmann Gianluigi Buffon erstmals seit 459 Minuten wieder bezwungen, wodurch er den WM-Rekord seines Landsmannes Walter Zenga, der 1990 bei der Heim-WM 517 Minuten lang ohne Gegentor blieb, verpasste. Es war übrigens der erste echte "Gegentreffer", den die Lippi-Elf während der Endrunde in Deutschland kassierte. Denn zuvor hatte es nur Cristian Zaccardo per Eigentor beim 1:1 gegen die USA geschafft, Buffon zu "überwinden".

Ausgleich

Der 1,93 m große Materazzi machte aber seinen Fehler nicht einmal eine Viertelstunde später wieder gut, indem er nach einem Eckball von Andrea Pirlo per Kopf den Ausgleich besorgte (19.). Begünstigt wurde das 1:1 auch von Tormann Fabien Barthez, der zunächst die Linie verließ, dann aber doch nicht auf die Flanke ging und halbherzig im Fünfer stehen blieb. In Minute 36 verhinderte die Latte das 2:1, als nach einem neuerlichen Pirlo-Corner Luca Toni mit dem Kopf zur Stelle war.

Franzosen tonangebend

Nach dem Wechsel wurde die ohnehin schon auf hohem Niveau stehende Partie noch besser, wobei im Gegensatz zur ersten Hälfte ganz klar die Franzosen den Ton angaben. Nach Foul von Zambrotta an Malouda wurde ihnen allerdings ein weiterer Elfer von Elizondo vorenthalten (53.). Vor allem Henry sorgte für ständige Gefahr, scheiterte aber an Buffon (63.). Doch auch die Italiener hatten ihre Chancen, so etwa bei einem Pirlo-Freistoß, der nur knapp sein Ziel verfehlte (77.).

Tragische Figur II: Zidane

In der Verlängerung ließen Ribery (99./knapp vorbei) und Zidane (104./Glanzparade von Buffon) die Matchbälle für die Franzosen aus. Es sollte die letzte Aktion von "Zizou" sein, denn seine Karriere endete alles andere als rühmlich in der 110. Minute, als er nach einer Tätlichkeit mit Rot vom Platz gestellt wurde.

Pirlo Man of the Match

Danach passierte nichts mehr Sehenswertes, weshalb der Weltmeister im Elferschießen ermittelt werden musste. Erst einmal war dies zuvor der Fall gewesen, nämlich 1994, als die Italiener in den USA gegen Brasilien 2:3 verloren hatten. Doch Lippi machte auch bei der Auswahl der Schützen alles richtig: "Man of the Match" Pirlo, Materazzi, Daniele De Rossi, Alessandro Del Piero und Fabio Grosso verwandelten ihre Penaltys allesamt eiskalt. (APA)

Finale in Berlin:

  • Italien - Frankreich 1:1 (1:1,1:1) nach 120 Minuten. Elferschießen 5:3. Olympiastadion, 69.000 (ausverkauft), Schiedsrichter Horacio Elizondo (Argentinien).

    Torfolge:
    0:1 ( 7.) Zidane (Foulelfer)
    1:1 (19.) Materazzi

    Elferschießen:
    Pirlo 1:0
    Wiltord 1:1
    Materazzi 2:1
    Trezeguet Latte
    De Rossi 3:1
    Abidal 3:2
    Del Piero 4:2
    Sagnol 4:3
    Grosso 5:3

    Italien: Buffon - Zambrotta, Cannavaro, Materazzi, Grosso - Camoranesi (86. Del Piero), Pirlo, Gattuso, Perrotta (61. De Rossi), Totti (61. Iaquinta) - Toni

    Frankreich: Barthez - Sagnol, Thuram, Gallas, Abidal - Vieira (56. Diarra), Makele - Ribery (100. Trezeguet), Zidane, Malouda - Henry (107. Wiltord)

    Rote Karte: Zidane (110./Tätlichkeit)
    Gelbe Karten: Zambrotta bzw. Sagnol, Makelele, Malouda

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      Die neuen Weltmeister.

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      Bitterer Moment zum Karriereende von Zinedine Zidane...

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      Und so ging Frankreichs gefeierter Held am Pokal vorbei.

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