Stoffels: Mojsche & Rejsele

6. Juli 2006, 17:00
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"Wenn man einem Kind alles verbietet, was gefährlich ist, dann stirbt es vielleicht nicht, aber leben tut es auch nicht."

"Jedes Kind hat ein Recht auf seinen eigenen Tod", hat der Pädagoge Janusz Korczak gesagt. Was er damit meinte, erklärt Karlijn Stoffels so: "Wenn man einem Kind alles verbietet, was gefährlich ist, dann stirbt es vielleicht nicht, aber leben tut es auch nicht." Korczak war ein guter, ein großer Mann, Leiter eines jüdischen Waisenhauses in Warschau, der sich von den Kindern, die dort lebten, nicht trennen wollte und sie 1942 in eine Gaskammer in Treblinka begleitete.

Karlijn Stoffels' Buch ist eine Hommage an diesen Mann. Aber die Geschichte, die erzählt wird, handelt weniger von ihm als von Mojsche, dem dreizehnjährigen Jungen, der 1939 in Korczaks Waisenhaus kommt und sich dort - "ungern gesteht er es sich ein" - in das Mädchen Rejsele verliebt. Das Leben im Waisenhaus, den Einfall der Nazis in Warschau und Mojsches Entkommen schildert diese Geschichte aus der Sicht des Jungen, den die Not schnell reifen lässt und der doch immer meint, wie Kinder es tun, in Wahrheit noch viel erwachsener zu sein, als er es schon ist.

Mojsche ist es, der die Geschichte von Mojsche und Rejsele erzählt. Mittlerweile ist er ein alter Mann und lebt in Israel. Seine Erinnerungen an die Kindheit in Polen ruft er in sich wach, so als wäre er noch der Knabe von einst. Und weil Kinder die Wirklichkeit anders gewichten als Erwachsene, ist diese Geschichte reich an Erlebnissen und Empfindungen aller Art. Mojsche ist vorwitzig, als Neuankömmling im Waisenhaus muss er sich behaupten. Anlässlich eines Benefiz-Konzertes zu Ehren der wenigen, die dem Waisenhaus auch zu Kriegszeiten Geld spenden, tritt ein Junge mit geschwollener Lippe auf: Eine Frau befürchtet einen Übergriff der Nazis, in Wirklichkeit war es ein Zwist unter Gleichaltrigen.

Eines Tages kommt die befürchtete Nachricht: In Warschau ist ein Getto gebaut worden, dorthin müssen Korczak und seine Kinder nun ziehen. Mojsche indes geht nicht mit: Er hat blonde Haare, sieht also unverfänglich aus und kann dem polnischen Untergrund als Kurier vielleicht nützlich sein. Aber schon auf seiner ersten Fahrt verliert er sich: Wichtiger als die Untergrundarbeit ist es ihm, den Text eines Liedes zu beschaffen, das von einer Rejsele handelt: Seine Freundin im Waisenhaus hat die Melodie des Liedes gesummt, den Text kennt sie nicht, wüsste ihn aber gern.

Karlijn Stoffels' Buch gehört zu den großartigen Werken der Jugendliteratur. Man lernt viel daraus über Geschichte, das Judentum und die Kompliziertheiten, die es zwischen Menschen gibt. Der Roman amüsiert, ohne dass er zum Lachen wäre. Er rührt an, ohne sentimental zu sein. Der vierzehnjährige Mojsche findet das Lied von Rejsele für Rejsele. Und viele Jahre später findet er auch Rejsele wieder. (Franziska Augstein / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.7.2006)

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