Veit Heinichen: "Gib jedem seinen eigenen Tod"

6. Juli 2006, 17:00
posten

Kriminelle Machenschaften von Einwanderern und um Prostituierte, die sich als humanitäre Helfer tarnen

Triest ist groß geworden, weil Leute aus den verschiedensten Nationen hierher kamen. Viele der Triestiner Patrioten, die als Freiwillige im Krieg gegen Habsburg für die Zugehörigkeit Triests zu Italien fielen, tragen slawische, deutsche, griechische, armenische oder jüdische Namen. Die italienischen Schriftsteller Triests heißen, um nur einige zu nennen, Aron Hector Schmitz alias Italo Svevo, Scipio Slataper, Virgilio Schönbeck alias Giotti.

Der aus Deutschland stammende Veit Heinichen bringt also alle Voraussetzungen mit, um als Triestiner Schriftsteller gelten zu können - vielleicht mehr als jemand, der in der Stadt geboren ist und so in geringerem Maß an ihrer unstet-multinationalen Seele teilhat. Und wenn, wie Slataper einmal gesagt hat, in Triest alles doppelt vorhanden ist, so passt gerade die Form des Kriminalromans gut zu dieser Mehrdeutigkeit. In seinem Roman "Gib jedem seinen eigenen Tod" greift Heinichens Kommissar Laurenti den Triest-Topos auf: "Zu viele Ausländer? Hier sind doch fast alle Ausländer. Echte Triestiner gibt es doch gar nicht. Von was lebt diese Stadt eigentlich, und durch wen wurde sie groß und reich? Ausländer, Welthandel, Kosmopolitismus, Freihafen? Wo hat fast jede Religion der Welt ihre eigene Kirche? Sogar den Suezkanal haben sie mitfinanziert!"

Dieser Roman ist nicht zuletzt eine Zusammenfassung, ein Zitat der physischen wie der kulturellen Landschaft von Triest, die hier - mit dem Bühnenbild ihrer eklektischen, neoklassischen und Jugendstil-Architektur und mit der multinationalen Genealogie ihres Personals - zu einer Art Theater wird, in dem die Szenenfolge der Krimihandlung stattfindet. Deren Protagonist ist der inzwischen schon nahezu klassische Held, der melancholische und verbitterte Kommissar Proteo Laurenti, auch er ein wahrer Triestiner, einer, der gelegentlich den bösen Scherzen des Schicksals unterliegt, wenn er Jagd auf das Verbrechen macht. Er verfolgt es mit genialer Witterung, und es ist ebenso undurchschaubar wie das familiäre Alltagsleben in seiner Unvollkommenheit.

In "Gib jedem seinen eigenen Tod" geht es um die kriminellen Machenschaften von Einwanderern und um Prostituierte, die sich als humanitäre Helfer tarnen. Der Roman erzählt eine Geschichte der Gewalt und Trostlosigkeit, des Todes und der heuchlerischen Komplizenschaft.

Schauplatz der Handlung ist die Stadt zwischen Polizeipräsidium, Küste, an der eine Yacht ohne Besatzung zerschellt, einigen Kaffeehäusern, der Redaktion einer Tageszeitung und einer Villa, dem Ort der Intrigen und Überschreitungen. Ganz Triest wird zum Zentrum eines trüben Universums, das Wien umspannt und den Balkan, den mitteleuropäisch-slawischen Osten. Das Verbrechen ist nur die Rückseite der respektablen Gesellschaft, wer es verfolgt, sieht sich bald in die Mühen und Nöte des Alltagslebens verstrickt. Kommissar Laurenti kann hier allenfalls einen halben Sieg erringen: Sein Netz ist am Ende halb voll, halb leer. (Claudio Magris / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.7.2006)

Share if you care.