Helden für heute

9. Juli 2006, 19:17
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Kommentar der anderen von Barbara Coudenhove-Kalergi

Jetzt, da der Fußballrausch vorbei und die Menschheit wieder einigermaßen vernünftig geworden ist, kann man die Frage ja stellen: Was war es eigentlich, das Millionen Menschen weltweit wochenlang in einen Fieberzustand versetzt hat?

Massensuggestion? Medienhype? Nationalismus (obwohl die eigenen Leute ja meistens gar nicht dabei waren)? Was ist das Geheimnis des Faszinosums Fußball, auch für Leute, die vom Sport keine Ahnung haben? Meine These: Es ist die Sehnsucht nach Helden.

Im täglichen Leben bleibt diese Sehnsucht weit gehend ungestillt. Eine Lücke bleibt, die von den Fußballern gefüllt wird. Jeder hat es an den Spieltagen erlebt, im eigenen Bekanntenkreis und auch bei sich selbst.

Da gerieten bei einem Sturmangriff würdige Herren mit Bäuchlein vor dem Fernsehschirm in Begeisterung, und Damen, denen die Fußballregeln bis zum letzten Tag verborgen blieben, suchten sich in den einzelnen Mannschaften ihre Lieblinge aus. (Meiner war natürlich der edle Zinédine Zidane).

Fußball ist Krieg im Frieden. Archaische Gefühle werden wach und das Gute ist, dass man ihnen ohne schlechtes Gewissen frönen kann. Es wird gekämpft, gesiegt und besiegt, aber am Schluss ist niemand tot.

Der Büromann von heute, befangen in einem ziemlich unheroischen Leben, kann vom Sofa aus einer veritablen Schlacht beiwohnen und sich im Geiste von einem von Kleinkram geplagten Angestellten für zwei Stunden in einen stürmenden Achilles verwandeln.

"Aus der Welt die Freiheit verschwunden ist, / es gibt nur noch Herren und Knechte", dichtete Schiller, "die Feigheit herrschet, die Hinterlist / bei dem feigen Menschengeschlechte". Und der Dichter kommt zu dem Schluss: "Auf dem Felde, da ist der Mann noch was wert, / da wird das Herz noch gewogen." Dem können auch viele Frauen etwas abgewinnen.

Mir hat stets das Elfmeterschießen am besten gefallen. Wenn sich die Schützen zum entscheidenden Schlag untergehakt in die erste Reihe stellen und alle den Tormann ermutigen, von dem nun alles abhängt.

Ein lieber Freund, in jungen Jahren Tormann seines Vereins, behauptet, dass Torhüter ein eigener und besonderer Menschenschlag sind, dem außer ihm selbst auch die Ex-Tormänner Henry Kissinger und Papst Johannes Paul II. angehören. In der Stunde der höchsten Gefahr lasten Wohl und Wehe der Nation allein auf seinen Schultern. Wiederum Schiller: "Da tritt kein anderer für ihn ein, / auf sich selber da steht er nun ganz allein."

Fußball für Romantiker. Und da waren natürlich auch die Szenen brüderlicher Fairness, wenn sich Sieger und Besiegter umarmen, wenn Rassenschranken aufgehoben sind, etwa wenn der deutsche Trainer den kleinen Afrikaner in der Mannschaft einen "herzenslieben Kerl" nennt, "den wir alle so gern haben". Oder wenn die schönste und kämpferischste aller Hymnen, die Marseillaise, aus dem Munde der weißen, schwarzen und schokoladebraunen Ballkünstler der französischen Équipe ertönte.

Realisten sagen, die Fußball-WM war nichts als ein gigantisches Geschäft. Mag sein.

Aber sie war auch ein Stück Utopie, ein Traum, der ein paar Millionen Zuschauer für ein paar Wochen über sich hinaushob und aus ein paar ehrgeizigen Vorstadtjungen bewunderte Helden machte.

Und jetzt ist die Party vorbei. Und aus der weltweiten Fußballgemeinde sind wieder normale Alltagsmenschen geworden. Es war auch allmählich Zeit.

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