Die Hexen reiten nicht mehr

13. Juni 2000, 21:41

Ist der Feminismus tot? Martina Salomon fragte Fachfrauen

Diskriminierung, Armut Analphabetismus - darunter leiden Frauen weltweit. Und hier? Nur Luxusprobleme? Ist der Feminismus tot? Martina Salomon fragte Fachfrauen.

Zufall oder typisch? Ein erklecklicher Teil der feministischen Einrichtungen, bei denen der STANDARD einen Rundruf startete, war tagelang nur per Tonbanddienst erreichbar. Feminismus, bitte warten? Frauen daheim am Herd?

Hat sich der Feminismus überlebt? Cheryl Benard und Edit Schlaffer im Interview
Angesichts der weltweiten Probleme, die bei der UNO-Frauenkonferenz in New York letzte Woche thematisiert wurden, muten die heimischen Schwierigkeiten läppisch an. Frau ist derzeit vor allem über Subventionsstreichungen bei diversen feministischen Vereinen frustriert - doch wen lockt das schon hinter dem Ofen hervor? Ganz anders in den Siebzigerjahren, als der Aufstand der Frauen - vor allem im Kampf um legale Abtreibung - weite Kreise zog.

"Natürlich wäre es lustig, nach wie vor nachts mit Slogans wie ,die Hexen sind zurück' durch die Innenstadt zu ziehen, aber das nutzt sich eben ab", sagt die feministische Autorin Cheryl Benard. Die Bilanz sei "mehr als positiv", man könne fast von einem sozialen Quantensprung reden.

Und klarerweise sei im Vergleich zu China, wo Mädchen selektiv abgetrieben werden, das Ärgernis der dünn gesäten Weiblichkeit in Führungsetagen ein Luxusproblem, ergänzt Edit Schlaffer. Oder auch eben nicht - "denn die globalen Missstände resultieren letztlich daraus, dass Männer überproportional die Macht okkupieren und Entscheidungen treffen, die nicht im besten Interesse von Frauen und Kindern und damit auch nicht im besten Interesse einer gesunden Gesellschaft sind".

Jetzt geht es um "Gender-Mainstreaming". Sperrige Sache. Diesem Projekt hat sich die EU-Frauenpolitik verschrieben. Der Staat müsste demnach bei allen Maßnahmen die Auswirkungen auf Männer und Frauen beachten.

Lieber schlank als stark

Aber besteht überhaupt Bedarf? 20-Jährige, die vom erfolgreichen Kampf ihrer Mütter und Großmütter profitieren, haben mit Feminismus oft nichts mehr am Hut. "Ich möchte aber nicht groß und stark werden, sondern schlank, romantisch und geheimnisvoll", eröffnet das kleine Mädchen auf einer Karikatur (im Folder für ein Frauenseminar) ihren entsetzten Eltern. Doch für solche Anwandlungen gibt es längst ein wirksames "Gegengift": nennt sich "geschlechtssensible Pädagogik" und wird beispielsweise von "Efeu" (Verein zur Erarbeitung feministischer Erziehungs- und Unterrichtsmodelle) propagiert.

Denn während Buben einen Großteil der Unterrichtszeit für sich beanspruchen, üben sich Mädchen früh in Anpassung - und sind damit zunächst erfolgreicher. Absurderweise ergreifen sie dann aber die Berufe mit den schlechteren Karrierechancen und dem geringeren Cash, sagt Claudia Schneider von Efeu. Ein geschlechtssensibler Unterricht müsste den Buben mehr Sozialkompetenz vermitteln und - durch besseren Praxisbezug gerade in naturwissenschaftlichen Fächern - mehr Interesse bei den Mädchen wecken.

Ruth Devime, Mitbegründerin der feministischen Mädchenschule "Virginia Woolf" (die - zufällig? - im amtlichen Wiener Schulführer gar nicht aufscheint), hat die Frage nach dem Tod des Feminismus gründlich satt. Sie glaubt, dass die 15- bis 25-Jährigen sehr wohl wieder hochaktiv werden: "Wenn es eng wird - und es wird wieder eng." Aber obwohl auch diese Frauengeneration wieder "in die Babyfalle reinfällt", habe sie letztlich mehr Chancen: "Weil sie besser ausgebildet sind als wir."

Nur für Sex brauchbar

In Devimes Zukunftsvision rücken die Männer im Frauenleben an den Rand: Frauen werden mit Frauen in Gruppen leben und sich die Kinderbetreuung teilen. Eine männerlose Gesellschaft? "Schlafen können Sie ja noch mit ihnen", beruhigt Devime. "Um die Kinder kümmern sie sich sowieso nicht. Außerdem schleichen sie sich, wenn die Frauen zu mächtig werden."

Harte Zeiten für Männer? "Frauenpolitik muss auch bereit sein, über Macht zu reden", sagt Ingvild Birkhan, Leiterin des Projektzentrums Frauen- und Geschlechterforschung an der Uni Wien. Sie befürwortet individuelles Monitoring, um Frauen zu Führungspositionen zu verhelfen. An der Uni machen allerdings bereits "die Männer dicht", wie sie es formuliert. Weil die "Gefahr" besteht, dass bei Dreier-Vorschlägen für Lehrstühle auf jeden Fall die Frau genommen wird, schaut Mann, dass möglichst keine Professorin hineinkommt - beziehungsweise eine, bei der klar ist, dass sie den Job nicht annehmen kann oder will.

Nicht zufällig rücken gerade jetzt die Männer in den Blickpunkt feministischen Interesses. In der UNO-Frauenkonferenz gab es sogar den Vorschlag einer Konferenz über Männer und Männlichkeit. Und auch Benard und Schlaffer werden sich in ihrem nächsten Buch mit den "einsamen Cowboys" auseinandersetzen.

Share if you care.