Gibt es ein Leben danach?

9. Juli 2006, 19:12
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Wendelin Schmidt-Dengler sucht einen Therapeuten, der ihm den großen Schock überwinden hilft

"Fußball-Nirwana"- diese überaus tiefsinnige Prägung schnappte ich auf, als ich beim Zappen auf Okto geriet: Das ist es, was uns nach dem 9. Juli bevorsteht - das Nichts. Charles Baudelaires Gedicht Le goût du néant, das "Gefallen am Nichts", kommt mir in den Sinn. Doch Geschmack kann man daran nicht so recht gewinnen. Schon die wenigen Tage im letzten Monat, an denen kein Fußballspiel übertragen wurde, waren von der Leere geprägt.

Sonst war es eine erfüllte Zeit. Die WM und mehr noch der Umgang der Medien damit sorgten für Sinnstiftung. Der Tagesablauf war geregelt; es gab eine feste Mitte, um die herum man alles zu gruppieren hatte. Die Menschen fanden zueinander; Stammtische wurden gegründet, an denen man kommunizieren konnte. Auch die Familiengemeinschaft erhielt neuen Sinn, wenn sich Vater mit der Kinderschar um den Erstfernseher versammelte und Mutter den Zweitfernseher aufdrehen durfte.

Fast jedes Spiel schuf einen neuen Mythos, so etwa den des Bastian Schweinsteiger, der es dreimal probierte und dreimal erfolgreich war. Die Boulevardblätter hatten ständig etwas griffbereit, was sie sonst immer mühsam herbeischaffen müssen - Inhalte. Andi Herzog, Toni Polster, Hans Krankl und viele andere sublimierten in literarisch beachtlichen Kolumnen ihren Wiener Schmäh zum Stil eines Alfred Polgar. Adi Niederkorns Stimme garantierte allmorgendlich den verlässlichen Weckruf. Die Spiele waren, weiß Gott, nicht immer sehenswert, aber sie gaben Halt.

Wie das Leben danach ausschauen würde, diese Frage wagte man sich kaum zu stellen. Die Stammtische können froh sein, wenn sie als Selbsthilfegruppen überdauern. Man wird zum ungeliebten Beruf zurückkehren und sich in den früher gepflegten Hobbys versuchen. Durch das Ende der WM ist auch der gigantische Qualitätsschub, den ORF 1 erfuhr, zunichte gemacht. Dieser hatte sich weniger durch das eingestellt, was in den Fußball-Übertragungen zu sehen war, sondern eher durch das, was eben nicht zu sehen war.

Ein Blick ins Programm der nächsten Woche macht mich schaudern. Da waren die Bemühungen der etwa vierzig Akteure - Referee- und Betreuerteams mitgerechnet - nicht nur redlicher, sondern künstlerisch um Klassen besser. Nun heißt es wieder zurück zu Cobra 11, es heißt zurück an die Werkbank oder an den Schreibtisch. Wir brauchen nun einen neuen Typ von Therapeuten, der uns diesen Schock überwinden hilft und uns auf das Leben jenseits des Fußballs vorbereitet. Ob da die Bundesliga die geeignete soziale und psychische Schonkost ist, bleibe dahingestellt. (Wendelin Schmidt-Dengler, DER STANDARD Printausgabe 10. Juli 2006)

Wendelin Schmidt-Dengler, Professor der Literaturwissenschaft in Wien.
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