"Zur Atomkraft fehlt nur der politische Mut"

9. Juli 2006, 19:13
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Die Renaissance finde eher in Europa und den USA statt, denn in Asien sei die Atomkraft "nie weg gewesen", so der deutsche Areva-Chef

Brüssel/Erlangen - Wegen der immer merkbarer werdenden Treibhauseffekte wie Hitze- und Dürreperioden, Rekord-Wirbelstürme sowie der Energiekrise Russland-Ukraine mit Auswirkungen bis nach Europa steht die Atomkraft vor einer Renaissance. "Ja, das ist klar zu bemerken", bestätigt Ralf Güldner, Deutschland-Chef des Weltmarktführers Areva. Das deutsch-französische Unternehmen beschäftigt 58.000 Mitarbeiter und setzte 2005 elf Mrd. Euro mit der Planung und dem Bau von Atomkraftwerken, der Uran-Förderung und der Herstellung von Brennelementen um.

Die Renaissance finde aber eher in Europa und den USA statt, denn in Asien sei die Atomkraft "nie weg gewesen", meint Güldner im Gespräch mit dem Standard. Derzeitiges Prestigeobjekt ist der Neubau eines Kernkraftwerkes der dritten Generation in Olkiluoto in Finnland mit einer Auftragssumme von insgesamt mehr als drei Mrd. Euro.

Derzeit sind weltweit 440 Atomkraftwerke in Betrieb, der Anteil von Nuklearenergie beträgt in der EU 30 und weltweit 16 Prozent. In Europa könnte der Anteil auf maximal 40 Prozent steigen, meint Güldner: "Kernkraft ist ebenso wie Wasserkraft ein immer verfügbarer Grundlastträger."

Viele Kraftwerke zu ersetzen

Bis 2020 seien unabhängig von der Art der Energiegewinnung weltweit sehr viele Kraftwerke zu ersetzen, da sie das Ende ihrer Lebenszeit erreichen. Studien gehen von bis zu 1100 Mrd. Euro aus, die investiert werden müssen. Areva hofft, dass der Anteil an Atomstrom weltweit auf rund 20 Prozent wächst - "aber das ist nur ein grober Durchschnitt, denn in China ticken die Uhren ganz anders", erzählt Güldner.

China hat zehn Atomkraftwerke in Betrieb; bis 2030 will das bevölkerungsreichste Land der Welt weitere 30 bauen, um den Anteil von Atomstrom auf vier Prozent zu steigern. Weitere 150 Anlagen wären nötig, um die langfristig angestrebten 20 Prozent Atomstrom zu erreichen. "Wir bauen ein Kraftwerke und wollen in diesen Markt noch stärker hineinkommen", meint Güldner.

Trendwende in öffentlicher Stimmung

In der öffentlichen Stimmung sei eine Trendwende zu Gunsten der Atomkraft zu bemerken - nicht nur wegen Klimaschutzüberlegungen und Rohstoffknappheit, sondern weil Atomkraftwerke von heute sicherheitstechnisch mit alten Anlagen nicht mehr zu vergleichen wären. Die Anlagen der dritten Generation würden auch Flugzeugabstürze und Terroranschläge verkraften und auch der unwahrscheinliche Fall einer Kernschmelze bleibe für die Außenwelt ohne Folgen. "Zur Atomkraft fehlt nur der politische Mut", meint der Areva-Direktor.

Aber man beobachte mit Genugtuung "die leise Rückkehr", auch in Ländern, die offiziell aus dem Ausbau der Atomkraft ausgestiegen sind wie Schweden: Laufzeiten aktiver Kraftwerke würden verlängert, Umfragen in Auftrag gegeben. Und Japan - immerhin das Land, das durch militärische Nukleartechnologie am meisten gelitten hat - sei auf dem besten Weg, bald mehr Atomkraftwerke zu betreiben als Europas Nummer eins, Frankreich.

Was den Ländern allerdings nicht abgenommen werden könne, sei das Endlagerungsproblem. Frankreich, Deutschland, die nordischen Staaten haben geeignete Lagerstätten tief in der Erde gefunden, kleinere Länder könnten sich "zusammentun". Güldner: "Es ist eine Frage der technischen Machbarkeit und der Sicherheit, und das ist mittlerweile alles gelöst." (Michael Moravec, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.7.2006)

  • Atomkraft-Manager Ralf Güldner: "Leise Rückkehr"zur Kernergie.
    foto: areva

    Atomkraft-Manager Ralf Güldner: "Leise Rückkehr"zur Kernergie.

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