Mozart aus der Sicht der Gegenwart

9. Juli 2006, 18:59
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Kirchenoper beim Carinthischen Sommer

Ossiach - Die Schuldigkeit des ersten Gebots -das geistliche Singspiel des elfjährigen Mozart - steht im Mittelpunkt des diesjährigen Carinthischen Sommers. Die Allegorie über den Christen zwischen "Weltgeist"und "Christengeist"fand ihre Fortsetzung bei Michael Haydn und Anton Cajetan Adelgasser, deren Kompositionen gelten aber als verschollen.

Bleibt also der frühe Mozart: Der kindlich naiven, programmatischen Tonmalerei seiner Rezitative und Arien sowie der verblüffend homogenen und artifiziellen Struktur des abschließenden Terzetts fehlen jegliche dramatische Handlung; dieser Umstand kommt der Realisierung innerhalb des Kirchenraums entgegen.

Friederike Mayröcker ergänzte den frommen, schlichten Text Ignaz Anton Weisers mit teils autobiografischen, teils religionsphilosophischen Betrachtungen. Sie stellt den "handelnden"Personen eine Erzählerin zur Seite: Hanne Rohrer verleiht der Frau düstere, existenzielle Aussagekraft, rezitativische Elemente beherrschen den Sprechduktus. Rudolf Jungwirth wiederum, "Composer in Residence", nähert sich behutsam der unausgegorenen Genialität des Werkes: Ohne in den in sich geschlossenen musikalischen Ablauf massiv einzugreifen, gelingt es ihm, überraschende Akzente, individuelle Deutungen einfließen zu lassen.

Dabei bedient er sich zumeist einer frei tonalen Tonsprache, mitunter webt er diffuse Zitate in das Geschehen ein. Das der "Ouvertüre"vorangestellte "Präludium"überrascht mit feinnerviger, respektvoller Abgrenzung, die diversen Ergänzungen und Interludien fügen sich in Mozarts Partitur auf einer einem überdimensionierten Kreuz nachempfundenen "Bühne"im Zentrum des Mittelschiffs nahtlos ein. Regisseur Reinhard Deutsch lässt den von Maxi Tschunko farbenprächtig gekleideten Akteuren "szenische"Aufgaben zukommen, die den eingeschränkten technischen und räumlichen Ressourcen entsprechen.

Die Wiener Akademie unter Martin Haselböck musiziert mitunter etwas verhalten. Ansprechende solistische Leistungen bieten die Sopranistinnen Johanna von der Deken ("Gerechtigkeit") und Katerina Beranova ("Barmherzigkeit") sowie Soledad Cardoso als "Weltgeist". Darstellerisch und sängerisch herausragend die Tenöre Alexander Kaimbacher ("Christengeist") und Kurt Azesberger ("Christ"). (Bernhard Bayer, DER STANDARD, Printausgabe vom 10.7.2006)

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