Kauflust gegen Börsenfrust

7. August 2006, 13:43
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Der Kurssturz japanischer Aktien war aus Sicht von Fidelity unberechtigt. Konsum und steigende Konzerngewinne sollten der Tokioter Börse viel Auftrieb geben

Frankfurt/Wien - Wer sein Geld in japanischen Aktien investiert, hat in diesem Frühjahr starke Nerven benötigt: Die Tokioter Börse erlitt im Mai und Juni die schwersten Verluste aller großen Weltbörsen und hat sich seither nur zum Teil wieder erholt.

Für die Anlageexperten des US-Fondsriesen Fidelity International war diese Verkaufswelle allerdings unbegründet. "Ich kann nicht begreifen, warum Japan so stark gefallen ist", sagt Fidelity-Chefanalyst Michael Gordon. "Aus unserer Sicht ist dies nun die größte und spannendste Chance zum Investieren."

Auslöser für den Abverkauf war neben der allgemeinen Börsenbaisse die Angst vor einer konjunkturellen Abschwächung in den USA, dem Hauptabnehmer für japanische Exporte. Doch Japan ist heute nicht mehr so exportabhängig wie früher, betont Robert Rowland, Manager des Fidelity Japan Fund. "Nur noch fünf Prozent des BIP-Wachstums kommen aus dem Export. Japan ist eine wahrlich von der Inlandsnachfrage getriebene Wirtschaft", sagt er. "Die private Nachfrage boomt, eine neue Kauflust breitet sich aus"(siehe Grafik).

Von den Exporten gehen inzwischen 49 Prozent in andere asiatische Märkte, wo die Nachfrage weiter steigen sollte. Die USA nehmen nur noch 24 Prozent der japanischen Ausfuhren ab - deutlich weniger als noch vor fünf Jahre.

Überschätzte Risikofaktoren

Andere Risikofaktoren werden laut Rowland im Falle von Japan ebenfalls überschätzt. Das Land müsse seinen Erdölbedarf zwar komplett importieren, gehe aber besonders effizient mit seinen Energieressourcen um. "Japan ist vom Ölpreis weniger stark betroffen als Deutschland."

Auch das von der Bank of Japan angekündigte Aus für die Nullzinspolitik ist für Rowland kein Problem. Denn mit dem Ende einer fünfzehnjährigen Deflationsphase sei Japan endlich zurück in einem normalen Kreditzyklus mit rasch wachsender Geldmenge. Dank einer leichten Inflation würden die realen Zinsen zumindest bis 2008 negativ bleiben. "Die höheren Risikoprämien für Schwellenländer, die derzeit verlangt werden, sollten für Japan nicht gelten. Denn die Wirtschaft profitiert sogar davon, wenn die Zinsen steigen."

Rowland hält einen Stand von 20.000 für den Börsenindex Nikkei 225 für angemessen. Nach einem Rekordhoch von17.404 im April stürzte der Index bis Mitte Juni auf 14.219 ab und schwankt derzeit um die 15.000-Punkte-Marke.

Hohe Investitionen

Entscheidend für den erwarteten Anstieg der Aktienkurse ist für Rowland das Wachstum der Investitionsausgaben. Als Folge der jahrelangen Wirtschaftskrise hätten japanische Unternehmen einen hohen Nachholbedarf bei Investitionen, die laut Fidelity-Prognosen mindestens zehn Prozent im Jahr wachsen sollten. "Wir werden einen Superzyklus bei Investitionsausgaben und einen Boom im Wohnungsmarkt sehen - vor allem dank der Kinder der Babyboomer, die größere Wohnungen suchen."

Rowland hält die veröffentlichten Gewinnerwartungen der meisten japanischen Unternehmen für zu niedrig. Sowohl die Prognosen für Ausrüstungsgüter als auch die erwarteten Gewinne sollten im Laufe des Jahres hinaufrevidiert werden. "Die Unternehmen sind sehr konservativ, aber wenn die Wirtschaft um drei Prozent wächst, dann sollten die Gewinne um sieben bis acht Prozent steigen", sagt er. Und davon dürften auch jene Anleger profitieren, die während der jüngsten Börsenschwäche nicht die Nerven weggeworfen haben. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.7.2006)

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    Starke private Nachfrage -und nicht mehr der Exportmarkt USA -ist diesmal die treibende Kraft der japanischen Wirtschaft. Der Konsumboom ist auch in der beliebten Einkaufsstraße Omotesando im Herzen von Tokio zu spüren.

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