"Nein, ich übergebe mich nicht"

10. Juli 2006, 12:02
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Nach der WM ist EM - Teamchef Hickersberger im STANDARD-Interview

STANDARD: Welche Erkenntnisse haben Sie aus der WM gewonnen? Und welche sind für das österreichische Team von Relevanz?

Hickersberger: Fitness und Teamgeist spielen eine große Rolle. Wer körperlich nicht auf der Höhe war, hatte keine Chance. Das traf auf England oder Brasilien zu, da wurden in der Vorbereitung offensichtlich Fehler gemacht, die waren ausgebrannt, konnten den Schalter nie umlegen. Das ist eins zu eins auch auf schwächere Teams wie Österreich übertragbar. Wenn wir bei der EM nicht topfit sind und zusammenhalten, haben wir bei dieser Veranstaltung nichts verloren. Obwohl wir trotzdem mittun müssen.

STANDARD: Wie mies ist der österreichische Fußball im internationalen Vergleich? Wird Ihnen in stillen Momenten bisweilen übel?

Hickersberger: Nein, ich übergebe mich nicht. Es gibt ja auch Einflüsse von außen, die einen hoffen lassen. In Deutschland gab es eine Euphorie, es herrschte positiver Patriotismus. Davon müssen wir uns etwas abschauen. Unser bester Spieler kann nur das Publikum sein, der zwölfte Mann ist fast entscheidender als die elf Kicker auf dem Platz. Weil wir mit Genies nicht unbedingt gesegnet sind. Wir müssen bei der Bevölkerung die Bereitschaft wecken, dass sie mitzieht, hinter uns steht. Bei der WM war die Atmosphäre eindrucksvoller als die Qualität der meisten Spiele. Da werden nur wenige in Erinnerung bleiben.

STANDARD: Kann man sich von der deutschen Mannschaft etwas abschauen? Auch sie musste keine Qualifikation bestreiten, Jürgen Klinsmann hat trotz Kritik einen Plan durchgezogen, das Team war zum richtigen Zeitpunkt in einer nahezu perfekten Verfassung.

Hickersberger: Die einzige Gemeinsamkeit ist, dass wir dieselbe Sprache sprechen. Aber es muss kein Nachteil sein, dass wir keine Pflichtspiele bestreiten. Da kann man sich besser finden. Deutschland hat praktisch keinen Fehler gemacht. Das ist durchaus vorbildhaft. Diesen hohen Anspruch müssen wir auch an uns stellen.

STANDARD: Auffallend war, dass sich bei der WM die routinierten Teams durchgesetzt haben, die Jugend wurde in Schach gehalten. Dabei reden alle immer von Verjüngung oder vom Neubeginn. Ein Widerspruch?

Hickersberger: Nein, die Mischung muss stimmen. Die Alten können mit Druck besser umgehen. Frankreich wäre in der Gruppenphase fast ausgeschieden. Eine junge Mannschaft hätte den Umschwung wohl nicht geschafft. Routine und Solidarität waren für die Wende verantwortlich.

STANDARD: Ein weiterer Eindruck war, dass Teamchefs mit relativ einfachen Philosophien oder Parolen Erfolg haben können. Klinsmann pflegte Sprüche wie "Glaubt ans Unmögliche"oder "Wir wollen Weltmeister werden". Italien setzte auf die "Jetzt-erst-Recht-Mentalität". Die Spieler steckten den Manipulations-Skandal weg, schöpften Kraft aus dem Selbstmordversuch von Juve-Manager Pessotto.

Hickersberger: Man kann nur mit einfachen Formeln bestehen. Philosophische Abhandlungen sind weder etwas für die Spieler noch fürs Publikum, sie sollen den Fußball ja kapieren. Die Italiener haben das Negative einfach umgedeutet, sie haben die Weltmeisterschaft als Chance gesehen, vielleicht werden sie sogar selig gesprochen. Und Deutschland hat einfach einen Lauf bekommen, der sicher auch in der leichten Auslosung seinen Ursprung hatte.

STANDARD: Sie müssten demnach sagen, wir wollen 2008 Europameister werden.

Hickersberger: Das sage ich sicher nicht, ich lehne es entschieden ab, mich lächerlich zu machen. Da wäre ich ein Fall für die Psychiater. Man muss sich schon das Niveau vor Augen halten. Klinsmann hatte ja eine gewisse Basis, Deutschland war immerhin dreimal Weltmeister.

STANDARD: Es wurden eher wenige Tore erzielt. Gehört die Zukunft der Defensive?

Hickersberger: Da soll man nicht zu viel reininterpretieren. Die Teamchefs agierten eher vorsichtig, es ist eben einfacher, auf die Patzer des anderen zu warten, als selbst initiativ zu werden. Ich würde daraus keinen Trend ableiten.

STANDARD: Was haben Sie von Ihren Kollegen gelernt?

Hickersberger: Ich hoffe, einiges. Ich war auch vor Ort, um mich weiterzubilden. Es ist interessant zu hören, was die Bosse sagen. Und dann zu schauen, was sie wirklich machen. Am meisten haben mir Klinsmann und Lippi imponiert. Klinsmann konnte immer wieder neue Reize setzen. Das Krisenmanagement von Lippi war bewundernswert. Und Frankreichs Domenech blieb stur, er stellte Zidane nach der Sperre trotz medialer Widerstände wieder auf. Zidanes Leistung gegen Brasilien war dann das Beste, was ich gesehen habe. Zidane und Italiens Andrea Pirlo waren für mich die herausragenden Spieler der WM.

STANDARD: Kann man die verbleibende Zeit bis zum 7. Juni 2008, dem Tag der Eröffnungspartie, unter irgendein Motto stellen?

Hickersberger: Ich bin kein Freund von Schlagworten oder Slogans. Obwohl "Die Welt zu Gast bei Freunden"sehr okay war. Wir müssen die Zeit einfach nützen. Die jungen Spieler sollen sich weiterentwickeln und zu einem Bestandteil der Mannschaft reifen. Ich will keine Namen nennen, ich muss flexibel bleiben.

STANDARD: Wird Ihnen also doch übel?

Hickersberger: Nein. Ich muss die Meisterschaft abwarten und hoffen, dass die möglichen Kandidaten sich bei ihren Vereinen durchsetzen. Aber ein Stammplatz darf keine Bedingung sein. Nehmen wir Christoph Metzelder her. Der saß bei Dortmund meist auf der Bank und wurde bei der WM zum verlässlichen Verteidiger. Man kann auch aus Mittelmaß etwas Konkurrenzfähiges schaffen. (DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 10. Juli 2006, Christian Hackl)

ZUR PERSON:

Josef Hickersberger (58) ist seit Jänner 2006 wieder Teamchef der ÖFB-Auswahl. Zuvor führte er Rapid zum Meistertitel.

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    Josef Hickersberger glaubt, dass man auch aus Mittelmaß ein halbwegs konkurrenzfähiges Team basteln kann. "Das Publikum muss uns helfen, der zwölfte Mann ist das Wichtigste."

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