Eine Orchidee im Sturm: The Neville Brothers

16. Juli 2006, 18:43
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Die Band aus New Orleans gastierte am Wochenende beim Jazzfest Wien - Auch dem positivsten Lebensgefühl wohnt Melancholie inne

 The Neville Brothers gastierten am Wochenende beim Jazzfest Wien. Die wohl berühmteste Band aus New Orleans führte mit Aaron Neville als zentralem Protagonisten vor, dass noch dem positivsten Lebensgefühl Melancholie innewohnt.

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Wien - Wer den Neville Brothers ihr Charisma verleiht, ist nach den ersten Stücken klar. Es ist der Mann, der im breit über seinen Brustkasten gespannten Mutter-Gottes-T-Shirt das Tamburin bedient und den Großteil der Stücke singt, Aaron Neville. Er ist es, der dieser aus New Orleans stammenden Band mit seinem kehligen Falsett Unverwechselbarkeit, manchen Songs Magie verleiht. An seiner Stimme messen sich Goldkehlchen und Engel. Und erst seine Erscheinung!

Aaron Neville, so wie er am Freitag im Wiener Museumsquartier im Rahmen des Jazzfestivals auf der Bühne steht, sieht aus wie der Besetzungsliste von Taylor Hackfords Knast-Epos Blood In, Blood Outentnommen: Schultern wie ein Dockarbeiter - der er einst war - und Oberarme wie Herkules - den er einst besang.

Schultern wie ein Dockarbeiter und viel Platz für Tätowationen

Das bedeutet viel Platz für künstlerisch mäßig wertvolle Tätowationen: Wann der schicke Jesus, das riesige Kreuz mit der Rose oder das krakelige Geständnis "I love Mom"entstanden sind - man will es gar nicht wissen. Irgendwann, als Heroin, Obdachlosigkeit und Gefängnis die Biografie des heute 65-Jährigen beutelten: eine Orchidee im Sturm. Das Schwert, das seine linke Wange "ziert", das trägt er seit seinem zwölften Lebensjahr.

Doch wenn dieser Mann, der gleichermaßen Düsternis wie Melancholie verbreitet, Stücke wie den Little-Willie-John-Klassiker Fever, die Jahrhundertnummer Tell It Like It Is oder Like A Bird On The Wireintoniert, dann laufen einem wohlige Schauer über den Rücken.

Das Hervorheben Aarons, dem der Hurrikan Katrina im Vorjahr das Haus zerstörte, soll jedoch nicht die Arbeit des Rests dieses wunderbaren Familienunternehmens schmälern, die für New Orleans das sind, was Toni Sailer für Kitzbühel ist. Bruder Cyril an der Percussion, Charles am Saxofon und an einer Batterie von Cow-Bells und natürlich Art, der Mann an der Soul verbreitenden Hammond-Orgel. Diese vier bilden in der Halle E des Museumsquartiers die vordere Reihe, dahinter arbeitet diverser Nachwuchs - Ivan, Ian - und ein paar Adoptivkindern, neun Mann insgesamt.

Zur großen Leichtigkeit

Sie geben einem vollen Saal Einblick in den Sound der fast untergegangene Stadt am Mississippidelta. Und zwar im Sinne einer sehr ursprünglichen Deutung von Funk, die hier nicht nur über seine synkopische Verfeinerung bei gleichzeitiger Sterilisationsgefahr erfolgt. Im Gegenteil: Funk, ursprünglich ein afroamerikanisches Slangwort für Schmutz, meint hier das Zulassen von Ungenauigkeiten ebenso wie die legere, aber gefühlsechte Aufnahme vieler Stile, die der große Strom auf seinem Weg zum Big Easy anspült: Blues, Jazz, Rock, Rhythm 'n'Blues, Cajun-Musik, Gospel.

Das alles wird live auf heftig perkussiver Basis verschmolzen - ohne die jeweiligen Charakteristika auszulöschen. Da hat Foxy Ladyvon Jimi Hendrix genauso Platz wie ein die Ausgelassenheit des Mardi Gras beschwörendes Fiyo On The Bayou, mit dem die 1977 gegründete Band den Abend eröffnet.

"A Change Is Gonna Come"

Neben diesen in die Hüften und Tanzbeine schießenden Stücken sind es Aarons Balladen, die dem Abend nicht nur eine souveräne Chronologie, sondern auch ihre Höhepunkte verpassen. Etwa eine innige Deutung von Sam Cookes "A Change Is Gonna Come", das eines der zentralen Stücke der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 60er-Jahre war - und das angesichts der herrschenden Verhältnisse immer noch traurige Aktualität besitzt. Gerade in New Orleans.

Auch eine Interpretation von Randy Newmans Louisiana 1927, das mit seiner Beschreibung einer früheren Flutkatastrophe wieder Relevanz besitzt, macht einen seltsam betreten. Die Intensität, mit der Aaron Neville, dieser zärtliche Gigant mit dem traurigen Blick, schlechte Nachrichten überbringt, ist ergreifend. Ebenso seine Hingabe an die Rhythmen seiner Brüder, die er mittels einer leicht angehobenen Schulter oder verhaltener Tanzschritte verdeutlicht. Gott machte diesen Mann nicht nur sehr, sehr traurig, er machte ihn auch sehr funky - im positiv umgedeuteten Sinn des Wortes.

Etwas, das er in Stücken wie dem fantastischen Yellow Moon- vom gleichnamigen Album aus 1989 -, in dem Charles die charakteristische Saxofonmelodie spielt, eindrucksvoll vorführt. Plötzlich lächelt er sogar. Ein denkwürdiger Auftritt. (Karl Fluch , DER STANDARD, Printausgabe vom 10.7.2006)

  • Aaron Neville, der melancholische Gigant der Neville Brothers aus New Orleans, begeisterte beim Jazzfest Wien mit Soulballaden und virilem Funk.
    foto: newald

    Aaron Neville, der melancholische Gigant der Neville Brothers aus New Orleans, begeisterte beim Jazzfest Wien mit Soulballaden und virilem Funk.

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