Mailand und Frankfurt planen eine Euro-Börse

10. Juli 2006, 10:32
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Die Borsa Italiana will zwischen Frankfurt und Paris vermitteln, um so zur Schaffung einer paneuropäischen Börse beizutragen

Die Borsa Italiana will zwischen Frankfurt und Paris vermitteln, um so zur Schaffung einer paneuropäischen Börse beizutragen. Zur Diskussion steht ein Übernahmeangebot, das die Borsa Italiana gemeinsam mit der Deutschen Börse für die Mehrländerbörse Euronext präsentiert. Der Verwaltungsrat der Borsa Italiana hat am Freitag Börsenchef Massimo Capuano grünes Licht gegeben, um ein "föderales Börsenprojekt auf europäischer Ebene"voranzutreiben.

Vorgesehen ist, eine operative Autonomie auf lokaler Ebene beizubehalten. Gleichzeitig sollen die Bereiche Posttrading (nachbörslicher Handel), Clearing und Settlement vom Börsenhandel getrennt und einer eigenen Holding untergeordnet werden.

Projektberatung

Der Mailänder Börsenchef Capuano hatte bereits am Mittwoch in Frankfurt mit dem Chef der Deutschen Börse, Reto Francioni, über das Projekt beraten. Einschlägige Gespräche sollen auch bereits in Paris - mit Euronext-Chef Jean-François Théodore - geführt worden sein. Angeblich habe Euronext positiv auf eine deutsch-italienische Offerte reagiert. Denn im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen, von der Deutschen Börse präsentierten und in Paris abgeblitzten, Übernahmeofferte besteht die Deutsche Börse nun nicht mehr auf eine Mehrheit im Vorstand.

Mittels eines Übernahmeangebotes für Euronext würden die von der Mehrländerbörse der NYT (New York Trade Exchange) gemachte Zustimmung für ein Fusion hinfällig werden. Eine Euro-Börse habe zudem auch die politische Zustimmung aus Rom, Berlin und Paris, sagte ein Mailänder Börsensprecher dem Standard.

Föderales System

Sowohl Regierungschef Romano Prodi als auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Jacques Chirac haben sich in den vergangenen Tagen deutlich für ein föderales europäisches Börsensystem ausgesprochen. Wie es in Mailand auch heißt, habe das Projekt bereits die Zustimmung der Europäischen Zentralbank. Denn diese drängt im Rahmen eines europäischen Börsenprojektes auf eine Trennung des Posttradings vom Börsenhandel.

Der neuen Euro-Börse sollen nach den italienischen Vorstellungen interessierte europäische Börsen beitreten können. "Wir sind uns darüber klar, dass es sich um ein schwieriges Projekt handelt. Die Zustimmung des Verwaltungsrates der Borsa Italiana zu diesem Projekt ist jedoch einstimmig gewesen", sagte ein Börsensprecher in Mailand.

Der Verwaltungsrat der Borsa Italiana sollte ursprünglich am Freitag die beiden von der Mehrländerbörse Euronext und der Deutschen Börse präsentierten Kooperationsvorschläge überprüfen. Euronext hatte der Borsa Italiana eine konkrete Offerte für eine Allianz präsentiert. Die Deutsche Börse begnügte sich hingegen damit, Mailand zur Kooperation "einzuladen".

Vorzug für europäisches Modell

Wichtige Aktionäre der Borsa Italiana wie etwa UniCredit (zwölf Prozent) und Sanpaolo Imi (14 Prozent) haben erkennen lassen, dass sie ein europäisches Modell vorziehen. UniCredit-Chef Alessandro Profumo hat jüngst betont, er sei weder für Frankfurt noch für Paris, sondern für eine europäische Börse. Schließlich ist UniCredit nicht nur Großaktionär der Borsa Italiana, sondern Bankchef Profumo sitzt auch im Aufsichtsrat der Deutschen Börse.

Für die relativ kleine Mailänder Börse - sie ist der fünftgrößte Aktienhandelsmarkt in Europa, bedeutet eine gemeinsame Übernahmeofferte mit der Deutschen Börse vor allem eines: einen erheblichen Prestigegewinn. (Thesy Kness-Bastaroli, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.7.2006)

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