"Man nimmt sich immer die größten Ziele vor"

9. Juli 2006, 18:18
70 Postings

Klinsmann zieht erste Bilanzen der eben zu Ende gehenden Party namens WM: "Können mit Großen mitspielen" - ein Interview

Stuttgart - Das deutsche Fußball-Nationalteam hat mit dem 3:1-Sieg gegen Portugal am Samstagabend die WM 2006 an dritter Stelle beendet. Als Eckpfeiler des Erfolgs gilt der vor dem Endrunde vielgescholtene Bundestrainer Jürgen Klinsmann, der allen Appellen zum Trotz seine berufliche Zukunft als deutscher Fußball-Teamchef weiter offen hält. Aufgezeichnet von der Deutschen Presse Agentur sprach er über die WM, erreichte Ziele und seine persönliche Zukunft.

Wenn Ihnen vor einem Jahr jemand gesagt hätte, Sie werden bei dem Turnier Dritter, hätten Sie sich gefreut?
Klinsmann: "Das Spiel um Platz drei ist immer für beide Mannschaften undankbar, weil man davon geträumt hat, im Endspiel zu stehen. Da muss man sich einen besonderen Schub geben. Das haben wir getan - und auch Portugal. Dass so ein Spiel dann auch noch mit drei Schweinsteiger-Toren entschieden wird - diese Geschichten werden halt nur im Fußball geschrieben."

Am Sonntag folgte in Berlin der Abschied von der Mannschaft. Für kurze Zeit oder für immer? Klinsmann: "Es ist ja kein Abschied. Den wird es ja auch nie geben, weil man so zueinander gewachsen ist. Man ist Teil ihrer Entwicklung, und da ist man mächtig stolz drauf. Man sieht sich ohnehin immer wieder - ob ich jetzt weitermache oder nicht."

Auf Sie rollt eine Lawine der Sympathie zu. Wird diese Stimmung Sie beeinflussen? Und wie lange wird es bis zur Entscheidung dauern?
Klinsmann: "Es ist viel auf uns alle eingestürzt. Wir haben immer gesagt, da kommt eine Lawine auf uns zu mit der WM. Aber dass es so eine große Lawine wird, haben wir uns alle in Deutschland nicht vorstellen können. Ich brauche auf jeden Fall ein paar Tage. Ich kann das Ganze noch nicht ordnen. Ich bin natürlich überwältigt und glücklich, dass solche Wertschätzung und Komplimente aus vielen Bereichen kommen für unsere Arbeit. Aber ich kann auch nur betonen: Wir Trainer können viel auf den Weg mitgeben, aber spielen tun die Jungs. Und wie sie gespielt haben die letzten vier Wochen, das war einfach wundervoll."

Auf dem Rasen sah das nach dem Spiel alles sehr herzlich aus. Die Bundeskanzlerin hat Sie umarmt und Franz Beckenbauer hat etwas zu Ihnen gesagt. Verraten Sie uns was?
Klinsmann: "Der Kaiser hat gesagt: Mach ja weiter! Und ich habe gesagt: Schaun' mer mal. Nein, ich freue mich einfach, dass er eine enorme Wertschätzung hat für unsere Arbeit. Diese Worte kommen aus seinem Herzen heraus. Das ist für mich als junger Kerl, als junger Trainer etwas Besonderes, so etwas von Franz Beckenbauer zu hören. So, wie ein Kompliment von Eusebio besonders ist, oder von einem Felipe Scolari, wenn er einen in den Arm nimmt. Ganz besonders stolz war ich, als ich die Kanzlerin drücken durfte, weil sie auf unserer Seite war, als es noch richtig um die Ohren gab - vor ein paar Monaten nach dem Italien-Spiel in Florenz."

Sie sind vor zwei Jahren angetreten mit dem Ziel, Weltmeister werden zu wollen. Sind Sie jetzt trotzdem in jeder Beziehung zufrieden?
Klinsmann: "Nein. Wir sind natürlich total happy mit dem, was erreicht wurde. Aber man nimmt sich im Sport immer die größten Ziele vor. Wenn einer in die Olympiade geht, wird er sich nicht die Bronzemedaille zum Ziel setzen, sondern er will die Goldmedaille holen. Das war auch unser großes Ziel. Der Traum ist zerplatzt gegen Italien. Aber wie die Mannschaft zurückgekommen ist und gesagt hat, okay, jetzt holen wir unbedingt diesen dritten Platz, das ist schon fantastisch gewesen. Und was sich alles extern abspielt, das sind Bilder und Momente, die sind wundervoll."

Was bleibt aus Ihrer Sicht als Trainer hängen von dieser WM?
Klinsmann: "Das Fantastische ist, dass wir mitspielen können mit den Großen. Was wir in den vergangenen zwei Jahren aufgebaut haben, ist ein Fundament. Wir werden noch richtig viel Spaß haben. Die Spieler haben in den vergangenen Wochen bewiesen, dass wir auf deutsche Talente bauen müssen."

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Klinsi, der Kanzlerin ganz nah.

Share if you care.